Schriesheim

Geschichte Am morgigen Sonntag 75. Todestag von Anton Geiß / Nach Sturz der Monarchie erster Staatspräsident Badens

„Einer der vergessenen Helden von 1918“

Archivartikel

Schriesheim.Er ist in diesem Jahr in aller Munde: der erste Reichspräsident Friedrich Ebert, der den Übergang Deutschlands von der Monarchie zur demokratischen Republik 1918/19 verkörpert. Doch Deutschland ist schon damals ein föderaler Staat, und so gibt es in jenen Monaten in den einzelnen Ländern viele „Eberts“. In Baden nimmt diese Rolle Anton Geiß ein. Am Sonntag jährt sich der Todestag des ersten Staatspräsidenten zum 75. Mal. Das Land und die Stadt Schriesheim, in der er begraben liegt, erinnern an ihn.

Geboren wird Geiß am 11. August 1858 als Sohn eines Landarbeiters im Allgäu. Er wächst in jenen ärmlichen Verhältnissen auf, wie sie für Bayern damals charakteristisch sind. Seine 17 Wanderjahre führen den jungen Schreiner durch ganz Deutschland, 1891 nach Mannheim. Zur sozialen Absicherung betreibt er hier – wie bei vielen Handwerkern damals üblich – nebenher eine Gaststätte.

In Mannheim startet er seine politische Karriere innerhalb der SPD als Stadtrat, Landtagsabgeordneter, schließlich Vizepräsident des Landtages – protokollarisch ein hoher Posten im Großherzogtum Baden.

Seine große Stunde schlägt im November 1918. Als mit Ende des Ersten Weltkrieges das Versagen der alten Mächte aus Adel und Großbürgertum offenkundig ist, da wird der langjährige Vorsitzende der badischen SPD über Nacht Chef der Provisorischen Regierung Badens. Im Jahr darauf wählt ihn die Verfassungsgebende Versammlung als Nachfolger des abgesetzten Großherzogs zum Oberhaupt des neuen Badischen Freistaates mit dem damaligen Titel „Staatspräsident“.

Mann des Ausgleichs

In den politischen und wirtschaftlichen Krisenzeiten 1918 bis 1920 verantwortet Geiß den friedlichen Übergang zur parlamentarischen Republik. „Die Revolution in Baden fordert kein einziges Todesopfer“, weiß Historiker Bernd Braun, der sich intensiv mit Geiß beschäftigt.

Denn Geiß ist ein Mann des Ausgleichs. Er regiert in der „Weimarer Koalition“, also mit SPD, Zentrum (Vorläufer der CDU) und DDP (Linksliberale). Als bei den Wahlen 1920 seine Partei deutliche Verluste erleidet, übernimmt er die politische Verantwortung und tritt als Präsident zurück – im Volk weiter geachtet, wovon sein Spitzname „Roter Großherzog“ noch lange zeugt. Geiß scheidet aus der Politik aus, zieht von Karlsruhe nach Mannheim, 1933 nach Schriesheim an der Bergstraße. Im dortigen Kreisaltenheim wird seine Frau Karoline betreut.

Nach ihrem Tode 1935 wohnt er noch lange in der Altstadt, im Gegensatz zu anderen Protagonisten des November 1918 von den Nazis nahezu unbehelligt; allerdings wird ihm seine Pension gestrichen. Vergessen stirbt er am 3. März 1944 und wird auf dem örtlichen Friedhof bestattet.

Heute ist sein Grab ein Ehrengrab der Stadt, ansonsten bleibt die Erinnerung an Geiß spärlich. „Er ist einer der vergessenen Helden von 1918“, konstatiert Braun. Im Vorfeld des 75. Todestages ergreift er daher die Initiative zu einer Gedenkveranstaltung – „gerade, weil von einigen politischen Kräften eine Änderung der Erinnerungskultur gefordert wird.“ Schriesheims Bürgermeister Hansjörg Höfer (Grüne) sagt sofort zu.

Der Kranzniederlegung auf dem Friedhof folgt am Sonntag, 15 Uhr, ein Festakt, bei dem Wissenschaftsministerin Theresia Bauer spricht. Obgleich Anlass der Gedenkfeier der Todestag ist, soll es laut Braun „ein Fest der Demokratie werden“.