Schriesheim

Schriesheim Gedenkveranstaltung zum 75. Todestag des badischen Staatspräsidenten Anton Geiß / Ministerin Theresia Bauer als Ehrengast

Erinnerung an imponierenden Menschen

Archivartikel

Die Besuche des Großherzogs in seinen Amtsbezirken müssen eindrucksvoll gewesen sein: Fahnen, Glockengeläut, Böllerschüsse, Honoratioren in Frack und Zylinder. Nicht so beim ersten badischen Staatspräsidenten Anton Geiß. Der Sozialdemokrat kam ohne große Entourage, nur mit drei Begleitern. Empfangen wurde er von Herren im „einfachen Bürgerrock“, ein Zeremoniell war nicht vorgesehen.

100 Jahre ist das jetzt her, und Professor Dr. Bernd Braun entführt in seinem Vortrag über die Dienstreisen Geiß´ in die Zeiten der Weimarer Republik. SPD, interessierte Bürger, Abgeordnete von Bundes- und Landtag sowie Stadträte sind zur gestrigen Gedenkstunde gekommen, genau 75 Jahre nach dem Todestag des badischen Politikers.

„Zu unrecht vergessen“

Sie beginnt am Grab von Karolina und Anton Geiß, das Genossen des Ortsvereins seit Jahren pflegen. Bürgermeister Hansjörg Höfer würdigt das Wirken eines Mannes, der „in der öffentlichen Meinung nicht den Platz einnimmt, der ihm gebührt“. Und Ortsvereins-Chef Axel Breinlinger lässt das politische Wirken des gelernten Schreiners und Gastwirts Revue passieren, seinen Aufstieg zum Staatspräsidenten und sein historisches Verdienst: Er schaffte es 1918, Großherzog Friedrich II. zum Rücktritt zu bewegen. „Er wurde zu unrecht vergessen“, betont Breinlinger: „Anton Geiß war von wirklicher Größe“.

Am Ehrengrab, eingerichtet von Altbürgermeister Peter Riehl, wird ein Kranz niedergelegt, dann geht es in den Zehntkeller, der zwar fast ebenso kalt ist, dafür aber ein stimmungsvolles Programm bietet. Die zwölfjährige Musikschülerin Leonie Günth (Violine), ihr Klavier-Begleiter Hariolf Maier sowie der 16-jährigen Gitarrist Leon Dawkins umrahmen die Redebeiträge, zuerst den von Ehrengast Theresia Bauer. Die Landesministerin für Forschung, Wissenschaft und Kunst sieht den Friedhof als „starken Ort der Erinnerung“, betont die Wichtigkeit des Gedenkens und warnt vor den Gefahren des Populismus.

Aus einfachsten Verhältnissen

Mit viel Herzblut sind die nächsten Redner bei der Sache: Braun und sein Kollege Dr. Martin Furtwängler setzen sich dafür ein, das Andenken Geiß´ zu bewahren. Furtwängler skizziert Lebensstationen von den Anfängen in einfachsten Verhältnissen über eine politische Karriere ohne Machtstreben bis zu seinem politischen Selbstverständnis von „ruhiger, versöhnlicher Art“, das dem Stadtrat vom Mannheimer OB Otto Beck bescheinigt wurde.

Von 1918 bis zu seinem Rücktritt 1920, als das Zentrum stärkste Partei wurde, war Geiß im Amt; seinen Lebensabend verbrachte er in Schriesheim, die letzten neun Jahre als Witwer. Die Nazis hätten ihn weitgehend in Ruhe gelassen, berichtet Furtwängler. Mit Ausnahme der ersatzlosen Streichung seiner Pension als Staatspräsident.

Braun geht auf die vielen Dienstreisen des Landesvaters ein, die vielleicht besser als jede Analyse seine unprätentiöse Art und das Bestreben zeigen, in Gedankenaustausch mit den Bürgern zu kommen. Ohne „Brimborium“ sei es da zugegangen, Vertreter von Kirchen und Verbänden waren versammelt. Handwerker Geiß saß nun Akademikern gegenüber, die monarchistisch bis konservativ eingestellt waren: „Da prallten Welten aufeinander.“

Trotzdem brachte er auch die „Vernunftrepublikaner“ auf seine Seite, sprach ein bis zwei Stunden frei . Seine Themen waren Not, Preistreiberei, „Protzen der Kriegs- und Revolutionsgewinnler“. Nicht Chauvinismus oder Marxismus, sondern der Wunsch nach einem „einig Volk von Brüdern“ trieben ihn an.

Ehrung auch für Demokratie

Die Presse nannte Geiß einen „Mann, der imponiert“, ein Reporter formulierte: „Er, der Sohn des Volkes, ward so zum deutlichen Symbol unserer Zeit.“ Nicht nur der Staatsmann, endet Braun, solle geehrt werden, „sondern auch die Demokratie“. Sie habe es verdient und brauche es auch in Zeiten wie diesen.