Schriesheim

Schriesheim Vor 40 Jahren musste das „Jugendzentrum in Selbstverwaltung“ dichtmachen / Das neue Buch von Adam Welker korrigiert damalige Vorurteile

Foto-AG und Fußball statt „freie Liebe“

Archivartikel

In den 1970er Jahren ist es lange ein Top-Thema der Kommunalpolitik. Es spaltet die Stadt in Fans und Gegner. Ende 1977 muss das alternative „Jugendzentrum in Selbstverwaltung“ dicht machen. 40 Jahre später hat einer der damaligen Protagonisten. Altstadtrat Adam Welker, ein Buch darüber verfasst. Und es korrigiert viele der damaligen Klischees.

„Es ist eine Geschichte voller Zufälle“, erzählt Welker im Gespräch mit dem „MM“. Auch er selbst, inzwischen 66, wird ungeplant zum Vorkämpfer dieser Einrichtung. Zunächst ist er in der evangelischen Jugend aktiv, etwa in der „Gitarrengruppe“ der legendären Frau Schröder aus Weinheim: „Anderthalb Stunden Bibelarbeit, 20 Minuten Gitarre.“ Bald leitet er selbst Jugendgruppen – genauso wie Hansjörg Höfer, der heutige Bürgermeister.

Dann der Bruch: „Pfarrer Putschky berichtet, der Heilige Geist sei ihm erschienen und habe ihm gesagt: ‘Die Jugendarbeit, die Du machst, ist des Teufels‘“, erinnert sich Welker. Die jungen Leute, damals 18, 19, müssen sich etwas Neues suchen.

Riehl gibt ihnen das Alte Rathaus

Es ist die Zeit der Bürgermeisterwahl 1973. Dem Zeitgeist angemessen, versprechen die Kandidaten ein Jugendzentrum, auch der Wahlsieger Peter Riehl. Er gibt den Jugendlichen das leere „Alte Rathaus“ in der Bismarckstraße, das er mittelfristig ohnehin abreißen will. „Das hatte den Vorteil, dass es egal war, wie wir dort haushalten“, berichtet Welker: „Am liebsten wäre der Stadt gewesen, dass wir es selbst abreißen“, lacht er.

Doch zunächst zieht dort Leben ein. Aber die Langhaarigen sind vielen Schriesemern ein Ärgernis: „Einige hatten richtig Angst, am Gebäude vorbeizulaufen.“ Ihre Vorstellung ist geprägt von den Medienberichten über die Berliner Kommune um Rainer Langhans und Uschi Obermaier mit „Sex and Drugs“. „Doch ‘freie Liebe‘ hat es bei uns nie gegeben“, schmunzelt Welker. Und: „Zwar hat ab und zu jemand gekifft, aber harte Drogen waren tabu.“

Im Gegenteil geht es fast bieder zu. Es gibt eine Foto-AG, Wanderungen in den Odenwald und Fußballspiele gegen die Junge Union, in deren Reihen der spätere Stadtrat Schlüter kickt und bei denen Peter Riehl als Schiedsrichter fungiert. Die Jugendlichen engagieren sich auch für die Stadt, streichen das Treppengeländer am Branich: „Riehl stellte zehn Liter Farbe und 20 Liter Bier.“

Doch die Kooperation hat ein Ende, als Riehl das Haus abreißen lassen will, um das Grundstück zu vermarkten. Am 3. November 1976 kommt es zur mit Spannung erwarteten Ratssitzung. Der Andrang ist riesig: Die Jugendlichen sitzen in der Mitte des Ratssaales und stehen auf den Treppen im Gang – zwei Stunden, denn Riehl zieht die letzten fünf Tagesordnungspunkte vor. Als erzieherische Maßnahme, wie er sagt.

„Da ist in vielen etwas kaputt gegangen“, glaubt Welker. „Ich selbst saß in der Mitte des Saales am Boden“, erinnert er sich: „Und ich habe mir geschworen: Einmal sitze ich am Ratstisch!“ Dies sei Geburtsstunde einer „Anti-Riehl-Bewegung“, damit starker Grüner vor Ort, irgendwie auch eines grünen Bürgermeisters.

Aber natürlich erhält Riehl damals eine breite Mehrheit. Doch die Jugendlichen geben sich noch nicht geschlagen. Gegen den Gemeinderatsbeschluss startet das Jugendzentrum ein Bürgerbegehren. „Zur Unterschriftensammlung haben wir die Stadt generalstabsmäßig in Planquadrate eingeteilt“, erzählt Welker.

Das Quorum beträgt 1199 Unterschriften, 1244 werden im Dezember 1976 im Rathaus abgegeben. Doch die müssen natürlich überprüft werden. „Es wurde so lange geprüft und gezählt, bis das Quorum unterschritten war“, schmunzelt Welker. Aus formalen Gründen lehnt der Rat ein Bürgerbegehren denn auch im Januar 1977 einstimmig ab. Das Jugendzentrum muss ausziehen aus dem Alten Rathaus, das abgerissen und durch den heutigen Neubau der Volksbank ersetzt wird.

Die Geschichte des Jugendzentrums ist damit zu Ende, der Zusammenhalt seiner Aktiven nicht. „Aus uns allen ist was geworden“, lacht Welker. Sogar ein Bürgermeister.