Schriesheim

Schriesheim Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes werden die Erinnerungen des blinden Fritz Hartmann an die NS-Zeit neu aufgelegt

„Hellsichtiger als viele Sehende“

Archivartikel

„Das ist leider aktueller denn je“, seufzt Stadtrat Bernd Molitor. Und er benennt, was er mit „das“ meint: Rechtsradikalismus, Rassismus, alltägliche Diskriminierung von Menschen, nur weil sie irgendwie anders sind. Was derartige Geisteshaltungen anrichten, das hat der geburtsblinde Schriesheimer Fritz Hartmann in der NS-Zeit am eigenen Leibe erlebt. Zwei Jahre vor seinem Tod 2007 machte er seine schmerzlichen, doch gerade deshalb so eindrücklichen Erinnerungen an diese Jahre und an die Befreiung von 1945 öffentlich. 75 Jahre nach Kriegsende ist dieses Dokument nun neu aufgelegt worden – als Broschüre mit CD.

Es ist ein generationenübergreifendes Projekt. Denn neben dem 36-jährigen grünen Kommunalpolitiker Bernd Molitor ist Gisela Reinhard, die „grande Dame“ der Schriesheimer Grünen, Mitherausgeberin. Der Kampf für die Aufarbeitung der Vergangenheit Schriesheims prägte die 23-jährige Gemeinderatstätigkeit der heute 76-Jährigen. Und wie an vielen Orten war das Kärrnerarbeit.

Mutige Worte

„Ich habe Fritz Hartmann das erste Mal getroffen, als er 1987 das Bundesverdienstkreuz erhielt“, erinnert sich Gisela Reinhard. Und sie war beeindruckt von seiner Persönlichkeit. Nicht nur, weil er als Blinder einen Menschen mit Down Syndrom betreute. Bei besagter Ordensverleihung sorgte er für einen Paukenschlag: „Diejenigen, die mich dafür vorgeschlagen haben, standen damals nicht an meiner Seite“, sagte er in die Runde der irritierten Honoratioren der Weinstadt. Und mit „damals“ meinte er die NS-Zeit.

In ihr hat Hartmann gelitten wie kaum einer seiner Schriesheimer Mitbürger. Während das NS-Regime Kriegsblinde verbal als Helden feierte (aber dennoch verschämt versteckte), wurden Geburtsblinde diskriminiert. Wie alle Menschen mit Behinderungen galten sie als „lebensunwert“. „Was es bedeutet, mit solch einer Bewertung konfrontiert zu sein, das kann niemand von uns nachempfinden“, sagt Reinhard.

Angst ums Überleben

Konkret bedeutete dies nämlich: ständige Gefahr der Zwangssterilisation. Im November 1934 ging eine solche Mitteilung an die Blindenschule Ilvesheim, die Hartmann besuchte. „Ab 1936 kam es immer wieder vor, dass in unserem Schlafsaal Freunde für einige Wochen fehlten und dann verstört zurückkehrten“, hört man ihn auf der CD erzählen.

Zur unermesslichen Angst vor der Sterilisation (von der Hartmann verschont blieb) kam bald die noch größere um das nackte Überleben – als durchsickerte, dass Menschen mit geistiger Behinderung systematisch ermordet wurden. Hartmann legte einen Schwur ab: „1939 habe ich mir geschworen: Und wenn dieser Krieg 30 Jahre dauert – ich werde mir merken, was geschehen ist.“ So hat er sich alles eingeprägt, auch wenn ein blinder Freund ihm 1944 voraussagte: „Dein Gedächtnis wird nichts wert sein. Denn es wird viele Deutsche geben, die ihr Gedächtnis verlieren, sich an nichts mehr erinnern werden.“ Letzteres sollte eintreten.

Jahrzehntelang waberten wie in ganz Deutschland auch in Schriesheim Verdrängen, Verschleiern, Verharmlosen. Doch Hartmann wollte nicht aufgeben: „Ich habe immer gehofft, dass es irgendwann Menschen der jüngeren Generation wagen, unsereins als Zeitzeugen aufzurufen.“

2005 war dies der Fall. Bei einer Veranstaltung der Grünen und der beiden Kirchengemeinden zum 60. Jahrestag des Kriegsendes berichtete Hartmann von seinen Erinnerungen und Empfindungen. Im voll besetzten Saal sprach er Dinge aus, die in Schriesheim so noch nie zu hören waren. Und in einer Präzision wie bei keinem anderen Zeitzeugen. Sein fehlendes Augenlicht vermochte er durch andere Sinne mehr als zu kompensieren: Gehör. Gespür für Zwischentöne.

Großes Interesse

Und seine Worte schlugen ein. Der Text, von Monika Stärker-Weineck in wochenlanger Arbeit vom Tonband transkribiert, wurde im Jahrbuch des Stadtarchivs abgedruckt, vom schon damals technisch versierten Bernd Molitor eine CD gestaltet. 500 Stück wurden verkauft.

Nun also die Neuauflage des Jahrbuch-Beitrages als separate Broschüre, die CD eingelegt. Die Zeitumstände lassen dies den Organisatoren für geboten erscheinen. „Der Rechtsradikalismus ist eine gefährliche Erscheinung“, sagt Molitor: „Er wird derzeit von Corona nur überdeckt.“ Und rechte Gesinnung gebe es leider auch in Schriesheim – „wo wir heute im Gemeinderat jemanden haben, der sich offen zum ,Flügel‘ bekennt und trotzdem gewählt wurde“, wie Reinhard in Anspielung auf den Stadtrat der AfD formuliert.

Bis zu seinem Tode 2007 hat Fritz Hartmann vor den Geistern der Vergangenheit gewarnt. Er war damit, wie sein Freund Hans-Peter Schwöbel in einer eindrucksvollen Trauerrede bekundet hat, „hellsichtiger als viele derer, die sehen können.“