Schriesheim

Schriesheim Darja Lohmeier von der Kirchlichen Sozialstation Bergstraße-Steinachtal fertigt Mundschutzmasken selbst an

Marke Eigenbau hat Konjunktur

Archivartikel

Während auf dem Weg nach Deutschland Millionen von Atemschutzmasken verschwinden, entstehen an Neckar, Rhein und Bergstraße viele neue – in Heimarbeit. Frauen aus den Sozial- und Gesundheitsberufen schneidern die wegen der Corona-Krise vielerorts vergriffenen Bedeckungen für Mund und Nase kurzerhand selbst. Darja Lohmeier von der Kirchlichen Sozialstation Bergstraße-Steinachtal in Schriesheim zum Beispiel hat in einem ersten Anlauf sechs Stück aus knallrotem Baumwollstoff auf ihrer Nähmaschine fabriziert. Der Grund: „Wir bekommen keine“, sagt die Pflegedienstleiterin. Der Lieferant könne eigenen Angaben zufolge wohl erst wieder ab Mitte oder Ende August mit OP-Mundschutz dienen, und im Internet würden „horrende Preise“ für die Masken verlangt, so die 48-Jährige

Dabei brauchen Lohmeier und ihre Kollegen die Masken dringend für den Einsatz bei den mehr als 250 überwiegend betagten Menschen, die sie unter anderem pflegerisch betreuen. Das hat auch psychologische Gründe. „Die Verzweiflung und die Not ist groß, weil viele Klienten natürlich total verunsichert sind“, berichtet Lohmeier. Viele Dienstleistungen würden mit dem Argument abbestellt, dass die Pfleger keinen Mundschutz trügen. Das mache sich bereits beim Umsatz bemerkbar. Der Verzicht könne aber auch gesundheitliche Folgen haben. „Wir können damit rechnen, dass die Klienten, die uns jetzt wegen irgendetwas absagen, weil sie zum Beispiel einen Kompressionsverband haben, wahrscheinlich in zwei Wochen offene Beine haben, die dann noch mehr Arbeit bereiten“, sagt sie.

Näherinnen gesucht

Also begann die 48-Jährige im heimischen Laudenbach mit dem Experimentieren. Den Stoff habe sie noch gehabt, weil sie früher mit den Kindern viel entworfen habe. Er kann mit 60 Grad gewaschen werden, die Masken sind also wiederverwendbar. Im Einsatz sind sie noch nicht. Lohmeier sucht dringend weitere Näherinnen, denn das Ziel ist ein neuer Mundschutz pro Patient. Unterstützung bekommt sie von der Evangelischen Kirchengemeinde. Als Pflegeprofi weiß sie aber auch, dass die Masken Marke Eigenbau eher eine psychologische Waffe sind. Richtigen Schutz böten Masken der Schutzklasse FFP3, wie sie die Pfleger der Corona-Patienten trügen. Drei Stück kosteten auf dem Schwarzmarkt allerdings 150 Euro. Lohmeier ist sauer auf jene Leute, die solche Hilfsmittel „bunkern“, um sie dann ohne Genehmigung teuer zu verkaufen. Sie verstehe nicht, dass das nicht unterbunden werde. Auch Desinfektionsmittel sei aus. Aber sie weiß sich auch hier zu helfen. Mit Ehemann Martin (48) besorgte sie sich die Zutaten und mischte nach einem Rezept der Weltgesundheitsorganisation zuhause selbst welches.

Auch Carmen Kurz-Ketterer vom gleichnamigen Alten- und Krankenpflegedienst aus Oftersheim weiß in Sachen Mundschutzbeschaffung Rat. Sie startete am Freitag einen Aufruf unter Freunden und Bekannten – mit Erfolg. „Acht Damen haben sich hingesetzt und über das Wochenende Mundschutze genäht“, sagt sie erfreut. 150 Exemplare entstanden bislang, die 33 Mitarbeiterinnen tragen je einen pro Schicht. Kurz-Ketterer weist darauf hin, dass der Mundschutz dazu dient, das Gegenüber zu schützen. Zum Eigenschutz könne man eine Vlieseinlage oder Zewa hineinlegen, „damit die Feuchtigkeit gebremst wird“.

Die freiberufliche Hebamme Birgit Fremter aus Ilvesheim suchte per Facebook jemanden, der für sie einen Nasenmundschutz näht. „Hilflosigkeit“ habe sie dazu getrieben, sagt die 39-Jährige, die in Mannheim arbeitet, mit Blick auf die Preise. Nach ihren Angaben hat eine Kollegin von ihr am Montag in einer Mannheimer Apotheke für zwei Stück 20 Euro bezahlt. „Das ist jenseits der Machbarkeit.“

Hilfe kam von Silke Steffens aus Mannheim. Die 52 Jahre alte Krankengymnastin, die normalerweise nur Hausbesuche bei Hochrisikopatienten macht und deshalb derzeit nicht arbeitet, ist voll in die Produktion der Masken eingestiegen. Sie habe vor der Wahl gestanden, aufzuräumen oder zu nähen, scherzt sie. „Da habe ich mich ganz spontan für das Nähen entschieden.“ Die Masken, die als einfacher Spuckschutz gedacht sind, gibt sie kostenlos ab. „Das würde ich komisch finden, einen Gewinn rauszuschlagen“, sagt Steffens.