Schriesheim

Mehr als nur eine Herberge

Archivartikel

Das Naturfreundehaus Kohlhof im Odenwald wird seit einem Jahrhundert von Ausflüglern zur Rast und Übernachtung genutzt. Aber es ist auch Spiegel der Geschichte einer Arbeiterbewegung, die es so längst nicht mehr gibt.

Die Szene ist in der Region längst Legende. In seiner Amtszeit als Oberbürgermeister der Stadt Mannheim (1983-2007) wandert Gerhard Widder von seinem Haus im Mannheimer Stadtteil Vogelstang aus regelmäßig in den Odenwald. Auf der Hälfte des Weges, in Schriesheim, legt er beim dortigen Bürgermeister Peter Riehl eine Rast ein. Derart gestärkt, begibt er sich danach an sein eigentliches Ziel: das Naturfreundehaus Kohlhof hoch über Altenbach.

„Ich bin seit meiner Jugend mit dieser Einrichtung verbunden“, bekennt der 1940 geborene Sozialdemokrat – also seit fast 70 Jahren. Wie ihm, so geht es vielen Menschen der Region, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: sei es als Hort der Erholung in malerischer Natur, sei es als Zeugnis der Geschichte eines Zweiges der Arbeiterbewegung, die es so längst nicht mehr gibt.

Der Ursprung des Gebäudes führt zurück an das Ende des 19. Jahrhunderts. Die tägliche Arbeitszeit beträgt zwölf Stunden, auch samstags. Nur der Sonntag ist frei. Urlaub, geschweige denn vom Arbeitgeber bezahlter, ist fremd, eine Ferienreise in andere Länder noch reine Utopie. Dass Arbeiter der Großstädte ihre geringe Freizeit dennoch nicht in Kneipen verbringen, sondern in der Natur – dies ist Anliegen des Wiener Berufsschullehrers Georg Schmiedl Ende des 19. Jahrhunderts.

Kraft schöpfen in der Natur

„Wir wollen die Arbeiter los reißen von den Stätten des Alkohols, von Würfel- und Kartenspiel“, erklärt Schmiedl: „Wir wollen sie aus der Enge der Wohnungen, dem Dunst der Mietshäuser und der Fabriken hinaus leiten in unsere herrliche Natur, sie der Schönheit und Freude entgegenführen“, formuliert er im für die Arbeiterbewegung damals durchaus charakteristischen Pathos.

In einem Inserat in der Wiener „Arbeiterzeitung“ vom 22. März 1895 lädt er für Ostern, 14. April, zum Ausflug auf den Anninger unweit von Wien ein; 85 Interessierte kommen. Die Verantwortlichen beschließen, solchen Aktivitäten einen formalen Rahmen zu geben. Am 16. September 1895 gründen sie jene Organisation, die unter diesem Namen noch heute besteht: „Touristenverein Naturfreunde“.

Ihre Idee verbreitet sich im gesamten deutschsprachigen Raum. 1905 wird in München die erste deutsche Ortsgruppe gegründet, die Mannheimer folgt am 18. März 1911 im damaligen Gewerkschaftshaus in F 4 (späteres „Hotel Wartburg“).

Die Wanderungen führen in den Odenwald, ausgehend von Heidelberg, wohin die Teilnehmer mit der 60 Pfennig kostenden Sonntagsfahrkarte der OEG gelangen. In Gasthäuser kehren die Gruppen bewusst nicht ein, um die Männer der Versuchung des Alkohols nicht auszusetzen. So wird unterwegs gekocht, das Geschirr dafür mitgeschleppt. Montags ist man gestärkt in der Fabrik, wo es aber auch am Spott politisch weniger bewusster Kollegen nicht fehlt. Wie man so dumm sein könne, an seinem einzigen freien Tag im Wald herumzurennen, lautet er.

Doch so aufregend das Kampieren in der freien Natur ist – auch bei den Naturfreunden wächst mit der Zeit der Wunsch, in einer Hütte einzukehren. Nach nur einjährigem Bestehen beschließt die Ortsgruppe 1912, für dieses Ziel Geld zu sammeln. Ihm fließen alle Einnahmen zu, aus Festen und aus den Lichtbildervorträgen über die Wanderungen. Die Finanzierung ist also angeleiert, doch noch fehlt das Grundstück. Sonntag für Sonntag halten die Aktiven bei ihren Wanderungen nach solch einem Areal Ausschau.

Grundstück in Altenbach

Am 6. Juli 1913 kommt die Lösung: Der Ratsschreiber der Gemeinde Altenbach, Georg Jörder, weist auf ein 15 000 Quadratmeter großes Grundstück auf dem Kohlhof hin. Bereits am Sonntag darauf erfolgt die Besichtigung und kurz danach eine Versammlung, die den Kauf für 3800 Reichsmark beschließt.

Auf dem Grundstück steht ein baufälliges Bauernhaus, doch die Naturfreunde verfügen ja über Arbeiter und Handwerker aller Branchen, die nun Hand anlegen. Was an Geld nicht vorhanden ist, wird durch Einsatz, ja Opferbereitschaft er-setzt, Backsteine in Rucksäcken zu Fuß geschleppt, Baumaterial mit einem Schubkarren von Mannheim auf den Kohlhof geschoben. Am 10. Mai 1914 erfolgt die Eröffnung, 5000 Menschen sind dabei. Viele folgen ihnen an den kommenden Wochenenden in das Haus, das im Rahmen des „Hüttendienstes“ abwechselnd ehrenamtlich betrieben wird.

Wer auf der Wiese vespert, der zahlt einen Pfennig Gebühr, das Übernachten von Samstag auf Sonntag kostet 30 Pfennige. Zu-nächst schläft man auf bloßem Stroh, bald wird es zumindest in Säcke gepackt – und dies als Fortschritt gefeiert. Das Petroleum für Lampen muss mitgebracht werden, denn Elektrizität gibt es hier ebenso wenig wie fließendes Wasser. Gewaschen wird sich an einer nahen Quelle. Und trotzdem sind alle zufrieden.

Doch drei Monate nach der Eröffnung herrscht Krieg, der Rucksack muss gegen den Tornister vertauscht werden. 70 Mannheimer Naturfreunde kehren aus dem Völkerschlachten nicht zurück. Doch nach dessen Ende und der Gründung der Weimarer Demokratie 1918 erleben die Arbeiterbewegung und mit ihr die Naturfreunde eine neue Blütezeit. Ihr Haus wird gar zu klein und 1921 durch einen Neubau ersetzt. Die Inneneinrichtung der Zimmer besteht aus Eisenbettgestellen und Matratzen aus Kasernen. Auch Elektrizität wird nun gelegt und 1930 sogar ein Anbau errichtet.

Doch nicht einmal drei Jahre da-nach, 1933, bringt die Machtergreifung der Nazis das Ende der Arbeiterbewegung und damit der Naturfreunde. Ihr Haus wird von Hitlerjugend, NS-Frauenschaft und anderen Nazi-Verbänden genutzt, schließlich an die Reichspost für deren Heidelberger Postsportverein verkauft.

Neuanfang nach 1945

Das hoch gelegene Haus erhält sogar einen hässlichen Tarnanstrich. Als 1943 das Schifferkinderheim in Mannheim ausgebombt wird, dürfen seine Bewohner hierherziehen.

Nach Krieg und Diktatur gründen sich die Mannheimer Naturfreunde am 24. Februar 1946 neu – und wollen natürlich ihr Haus zurück. Doch es gibt Hindernisse. Zunächst müssen sie abwarten, bis das Schifferkinderheim sein neues Domizil in Seckenheim beziehen kann, danach werden Flüchtlinge aus dem Osten untergebracht. Doch an Weihnachten 1947 können die Naturfreunde wieder einziehen; von der Rechtsnachfolgerin der Reichspost, der neuen Bundespost, erhalten sie 1949 7500 D-Mark Entschädigung.

Die können sie gut gebrauchen. Denn die gesamte Bausubstanz ist arg lädiert. Der Hauptbau kann zunächst erhalten werden, sieht aber dennoch ganz schlimm aus. Um die größten Schäden zu verdecken, werden die Aufenthaltsräume mit Sperrholzplatten verkleidet. Doch 1958 zeigen sich Risse, die einen Abbruch und Neubau auch dieses Traktes unvermeidlich machen. Neben größeren Zimmern wird dabei ein Saal für 100 Personen mit Blick ins Tal geschaffen.

Doch mit Wirtschaftswunder und Massentourismus genügt die Einrichtung ab den 1960er Jahren nicht mehr den Ansprüchen. Das betrifft nicht nur die 18 Betten im Gemeinschaftsraum, dem legendären „Fuchsbau“. Vor die Grundsatzfrage gestellt, die Einrichtung aufzugeben oder zu modernisieren, beschließen die Naturfreunde in den 1990er Jahren Abriss und Neubau des Anbaus von 1930 für 3,5 Millionen D-Mark. Trotz Zuschüssen von Land und Kommunen muss der Verein selbst eine Million D-Mark aufnehmen. „Das zahlen wir noch Jahre ab“, sagt Rolf Schönbrod, damals wie heute Kreisvorsitzender der Naturfreunde.

Modernerer Standard

Doch nun gibt es größere Zimmer und dank eines Fahrstuhls auch Barrierefreiheit. Die ökologische Ausrichtung, mit der die Naturfreunde ihr altes Ziel aktualisieren, schlägt sich hier ebenfalls nieder: Niedrigenergiehaus, Heizung mit Flüssiggas statt mit Erdöl, Solaranlage, Regenzisterne und Dachbegrünung.

Zum Richtfest im September 2001 kommt der Mannheimer Oberbürgermeister Gerhard Widder. „Für mich ist dieses Haus mit unglaublich vielen Emotionen verbunden“, bekennt er: „Man spürt: Das hier ist etwas Anderes als eine normale Gaststätte.“ Das Haus stehe für die Botschaft der Naturfreunde, die keineswegs überholt sei, wie er unter Hinweis auf die Terroranschläge in New York zwölf Tage zuvor betont: „Das Ziel, auf dieser Welt friedlich zusammenzuleben, ungeachtet von Hautfarbe und Religion, ist gerade in diesen Tagen aktueller denn je.“