Schriesheim

Schriesheim Traditioneller Empfang der Ehrengäste auf dem Mathaisemarkt / Neulinge werden mit Küssen begrüßt – die männlichen von den Weinhoheiten, die weiblichen von Bürgermeister Höfer

„Netzwerken bei einem Glas Wein – da kommt auch was raus“

Das hat ihn doch schon gefuchst. Als erster Bürgermeister, der den Mathaisemarkt-Festzug abgesagt hat, will Hansjörg Höfer nun nicht in die Geschichte seiner Stadt eingehen. Und er wurde fündig. „1969, also genau vor 50 Jahren, musste der Umzug schon einmal abgesagt werden – wegen Sturm“, so der Rathauschef gestern Morgen beim Behördentag.

So genannt wird in Schriesheim der Empfang für die Ehrengäste, zu dem Amtsleiter und Bürgermeister, Abgeordnete und Weinhoheiten aus der Region auf den Mathaisemarkt kommen. „Hier können Sie netzwerken“, lädt Höfer ein: „Und wenn dass bei einem Glas Wein geschieht, dann kommt dabei auch was raus.“

Die Begrüßung erfolgt im Saal der Feuerwehr, in dem die Mathaisemarkt-Kunstausstellung stattfindet. „Tauchen Sie ein in die heilsame Welt der Malerei“, animiert Kuratorin Romy Schilling inmitten der abstrakten farbstarken Werke der Ladenburgerin Cornelia Komor.

Balsam für die Seele können die Mathaisemarkt-Macher derzeit gut gebrauchen. „Die Absage des Festzuges ist uns allen schwergefallen“, versichert Höfer. Aber die Gefahr sei auch bei nur 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu groß gewesen, „auch wenn in den Vorjahren nur Weinheim betroffen war.“ „Das wird künftig anders“, ruft dessen gewählter Oberbürgermeister Manuel Just.

Auch nachdenkliche Worte

Doch Höfer nutzt die Anwesenheit so vieler Entscheidungsträger auch zu nachdenklichen Worten jenseits des Klamauks. Vor dem Hintergrund der Schulsanierung erinnert er daran, dass das damals kleine Schriesheim Ende der 1960er Jahre den Entschluss zur Schulstadt gefasst hat. „Das war ein guter Entschluss“, betont er: „Die Schule hat unsere Stadt mitgeprägt – mehr als alles andere“, sagt er unter Hinweis auf viele junge Familien: „Das Leben in unserer Stadt ist ein junges Leben.“ Doch er fragt auch: „Würde der Gemeinderat heute so entscheiden? Könnte er das überhaupt noch?“ und erläutert, was er damit meint: „Wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter ‘Beteiligung‘ keinen Fortschritt mehr haben.“

Ein zweites Anliegen Höfers ist der soziale Zusammenhalt der Stadt: „Wir müssen achten, dass keiner verloren geht.“ Er verweist auf 170 Krippenplätze, Schulsozialarbeit, Barrierefreiheit, Integration. „Wir gemeinsam haben dies in der Tat geschafft“, bekennt er sich zum vielgescholtenen Wort der Kanzlerin.

Schließlich ruft der Bürgermeister dazu auf, bei der Europawahl „jenen Kräften entgegenzutreten, die alles rückgängig machen wollen zu guten alten Zeiten – wobei ich mich frage, wann jemals alles gut war.“

Das Grußwort von Weinkönigin Annalena läutet den lockeren Teil ein. Auf der zweiten Station, dem Zehntkeller, an Wänden und Decke übrigens mit schallschluckendem Stoff ausgestattet, ist Frohsinn angesagt. Dem traditionellen Ritual entsprechend, dürfen diejenigen, die erstmals in dieser Runde mit dabei sind, die Weinhoheiten aus Schriesheim, Lützelsachsen, Hemsbach und Groß-Umstatt küssen.

Erstmals dabei

Dazu zählen Andreas Neubert, Chef des Amtes für Flurneuordnung, Max Spielmann, Geschäftsführer der Welde-Brauerei, die seit 40 Jahren im Gewerbezelt dabei ist, Christian Nasedy vom Darmstädter Planungsbüro zur Schulsanierung, Achim Weitz, Chef des Schriesheimer Ordnungsamtes, Michael Hoffmann, Vorstand der Volksbank Kurpfalz.

Stattlich die Zahl der Frauen, die erstmals dabei sind: VHS-Chefin Sonja Althoff, Vize-Bürgermeisterin Barbara Schenk-Zitsch („Kurz vor meinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat“), Verkehrsvereins-Chefin Irmgard Mohr und Höfers Frau Birgit. Sie alle erhalten keine Küsse der Weinhoheiten; das übernimmt der Bürgermeister höchstselbst.