Schriesheim

Schriesheim Der Mathaisemarkt ist seit Kriegsende bislang nur ein einziges Mal ausgefallen – 1991 wegen des Golfkrieges / In der Diskussion ähnliche Argumente wie heute

„Nicht feiern, während Leute sterben“

Archivartikel

Absage des Mathaisemarktes: Für jeden Schriesheimer eigentlich ein Sakrileg. Und doch ist es schon einmal geschehen: Vor fast genau 30 Jahren, während des Golfkrieges 1991.

Die Geschichte: Am 2. August 1990 überfällt der irakische Diktator Saddam Hussein das Emirat Kuweit. Rückzugsforderungen der Weltgemeinschaft bleiben auch nach Monaten ohne Reaktion, so dass am 16. Januar 1991 die Invasion einer alliierten Streitmacht beginnt.

Bereits am Tag darauf werden in Deutschland alle Karnevalsveranstaltungen abgesagt. Und in Schriesheim kommt sofort die Frage auf: Was wird mit dem Mathaisemarkt? „Wenn zum Festtermin noch Krieg herrscht, wird es wohl keinen Mathaisemarkt geben“, sagt Bürgermeister Peter Riehl schon damals.

Eine breite öffentliche Diskussion entsteht, deren Argumente den aktuellen nicht unähnlich sind. Friedrich Ewald, der Vorsitzende der Winzergenossenschaft, ist strikt gegen eine Absage: „Den Mathaisemarkt abzusagen, das wäre doch nur eine vordergründige Gewissensberuhigung.“ Die noch amtierende Weinkönigin Diana Sandel meint dagegen: „Wir können doch nicht feiern, während da unten Leute sterben.“

Sorgen um die eigene Existenz

„Unsere Straußwirtschaft ist ein Bestandteil unseres Lebensunterhalts“, mahnt Winzer Karl-Heinz Wehweck. Für eine Absage plädiert der BdS-Vorsitzende Willi Hessenauer, einst noch Soldat im Krieg: „Ich habe selbst Erfahrungen im Krieg gemacht und wäre an diesem Mathaisemarkt nicht in Stimmung zum Feiern“, begründet er: „Es ist ethisch-moralisch nicht zu vertreten, hier High Life zu machen, während woanders Menschen sterben.“

Am 8. Februar 1991 berät der Gemeinderat das Thema. Der Ratssaal ist überfüllt wie noch nie: „Ja oder Nein zum Mathaisemarkt ist keine Frage von Gut und Böse“, stellt Riehl zu Beginn klar und fordert, jeden Gemeinderatsbeschluss zu respektieren. Er selbst stellt den Verwaltungsantrag, den Mathaisemarkt abzusagen. Innerhalb von CDU und SPD gehen die Meinungen auseinander..

Nach langer Diskussion beschließt das Gremium mit der denkbar knappen Mehrheit von 13 zu elf Stimmen die Absage. Dafür stimmen die Mehrheit der CDU, fast die gesamte SPD und einstimmig die Grünen, unter ihnen der heutige Bürgermeister Hansjörg Höfer. Dagegen sind die CDU-Räte Siegfried Schlüter und Roland Nunheim, die Freien Wähler geschlossen, Heiner Salfinger (SPD) und FDP-Stadtrat Bernhard Scharf. Riehl selbst enthält sich und stimmt damit nicht für seinen eigenen Antrag.

Wenige Tage nach der Gemeinderatssitzung kommen die Schausteller ins Rathaus, um gegen die Absage zu protestieren; Riehl empfängt sie im Ratssaal. Sie fordern als Ersatz ein Frühlingsfest (was Riehl kategorisch ablehnt) und kündigen Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde, dem Landratsamt, an. Landrat Jürgen Schütz weist die Beschwerde ab.

Am gleichen Abend trifft Riehl sich mit den Winzern. Ergebnis: Es wird auch keine Straußwirtschaften geben. Beschlossen wird aber auch, dass die bereits gewählten neuen Weinhoheiten ihre Amtszeit antreten können und eine Krönung erhalten sollen. „Nur ein Abend und nicht mehr“, betont Riehl jedoch. Die Idee der Genossenschaft, diesen auf ein paar Tage auszudehnen und zumindest die erste Hälfte bis Dienstagabend zu feiern, lehnt er strikt ab.

Die Weinhoheiten sind wie üblich bereits gewählt: Weinkönigin ist die 18-jährige Heike Höfer, als ihre Prinzessinnen fungieren Martina Eichhorn (20) und Sigrid Moos (19).

Am 2. März 1991 ist es so weit: Die Krönung der Weinhoheiten erfolgt zum ursprünglich dafür vorgesehenen Zeitpunkt, aber an ungewohntem Ort – statt im Festzelt diesmal im Zehntkeller. Das Programm ist gedämpft: Es singen der Chor der „Eintracht“ und das Swingtett vom „Liederkranz“, es spielen die Jagdhornbläser und der evangelische Posaunenchor aus Leutershausen.

Die Stadt kostet die Absage 90 000 D-Mark, davon allein 80 000 D-Mark für die bereits gebuchten Musiker, allen voran die Spider Murphy Gang, bereits damals ein Top-Act.

Der ausgefallene Festzug wird im Laufe des Jahres in verkleinertem Umfang nachgeholt, wie von Riehl versprochen. Dem Zug geht der Bürgermeister denn auch voran – mit dem Schild „Ich halte Wort“.