Schriesheim

Schriesheim TV-Anwalt Posch zu Besuch im Kurpfalz-Gymnaisum

„Nicht vom Aussehen blenden lassen“

Archivartikel

Ein Schüler wird gemobbt und nimmt sich das Leben. Wie sieht es mit der Schuld der Mobber aus? Ein Junge stellt die Frage, als die Diskussionsrunde in der Aula des Kurpfalz-Schulzentrums schon fast zu Ende ist. Nach knapp zwei Stunden wird es langsam unruhig, doch nach dieser Frage ist es auf einmal wieder ganz still. Sie ist an Christopher Posch gerichtet, bekannt aus der RTL-Serie „Ihr gutes Recht“, auch im wahren Leben Anwalt und gestern Vormittag zu Besuch im Kurpfalzgymnasium, dessen Lehrer Maximilian Bayer und der Fachmedienkonzern Wolters Kluwer hier die Premiere einer neuen Veranstaltungsreihe organisieren. „Jetzt habt Ihr Recht“ wendet sich an Schulklassen, und Posch erklärt die Absicht eingangs: „Uns interessiert, was junge Leute über Recht wissen und denken.“ Das Thema spiele schließlich „eine riesige Rolle“ im Leben.

Das Strafrecht thematisiert

Mit dem Betäubungsmittelgesetz, das zeigt eine Frage in die Runde, ist noch keiner der Acht- bis Zehntklässler in Konflikt gekommen; dagegen melden sich einige, als der Jurist fragt, ob denn die Eltern schon mal im Straßenverkehr geblitzt wurden. Dann steigt er ins Thema Strafrecht ein, und ganz nebenbei erklärt er Grundbegriffe wie Tatbestand, Rechtswidrigkeit und Schuld. Ob die im Falle von Schulhof- oder Internetmobbing so einfach nachweisbar ist, lässt der Anwalt offen; zu unterschiedlich sind hier die Einzelfälle. Er antwortet lieber auf einer persönlicheren Ebene: „Den Schuldvorwurf wird man nie mehr los, wenn es heißt, man hätte irgendwie mit dem Suizid eines anderen Menschen zu tun.“ So habe nicht nur der Gemobbte unter den Konsequenzen einer solchen Tat zu leiden, sondern unter Umständen auch der Täter.

Zu Beginn hat es Posch nicht ganz leicht mit seinen jungen Zuhörern. Auf die Frage, ob jemand nach dem Abi Jura studieren will, antwortet ihm verlegenes Kichern. Doch allmählich gelingt es dem Fernsehprofi, sein Publikum aus der Reserve zu locken; er tut das mit grundsätzlichen Fragen wie: „Was ist gerecht?“

Schüler werden mutiger

Etwa im Falle eines Handwerksbetriebs: Der Chef hat Außenstände, versucht immer wieder, das Geld beizutreiben, hat kein Glück und steht wegen Konkursverschleppung auf einmal vor dem Richter. Das finden die Schüler ungerecht. Nun werden die ersten mutiger und stellen Fragen. Etwa, wie man jemanden vor Gericht vertreten kann, von dem man weiß, dass er etwas Verbotenes getan hat. Poschs Antwort erklärt sich aus der Erfahrung: „Nichts oder fast nichts ist vor Gericht so, wie es auf den ersten Blick erscheint.“ Im Strafprozess würden sich die Dinge entwickeln: „Man darf sich nicht blenden lassen, wie Menschen aussehen.“ Ist der erfolgreiche Steuerberater, der nachts seine schlafende Frau erschossen hat, ein Mörder? Posch verteidigte den Mann, viele Zeugen berichteten vom Elend einer Ehe, in der die Frau ihren Mann zurückwies, misshandelte und übergriffig wurde. Am Ende wurde er „nur noch“ wegen fahrlässiger Tötung zur Rechenschaft gezogen.

Immer wieder Abstimmungen

Ein gerechtes Urteil, so sagt Posch, erfordere Durchhaltevermögen, Zeit und Mühe. Und auch der Angeklagte brauche Hilfe: „Ein Strafverteidiger ist oft der Letzte, der einem Angeklagten noch zur Seite steht.“ Immer wieder lässt er seine Zuhörer abstimmen, es geht um Körperverletzungen oder Mietrecht. Allmählich tauen die Jugendlichen auf, stellen eine Frage nach der anderen; sie wollen wissen, ob Poschs Beruf auch mal gefährlich ist oder erkundigen sich nach seinem „Lieblingsverfahren“. Dabei, sagt er, ging es um einen Drogenkurier, der freigesprochen wurde.

Der Grund: „Er hat nichts von dem getan, wofür er angeklagt wurde.“ Das möge ungerecht erscheinen, sei aber richtig. Danach habe er nie mehr etwas von dem Mann gehört. Was in diesem Fall wahrscheinlich als Happy End gelten kann. Auch für Posch, der einen Riesen-Applaus bekommt. Und vielleicht den einen oder anderen Jugendlichen für seinen Beruf begeistert hat.