Schriesheim

Schriesheim Altstadtrat Siegfried Schlüter, viele Jahre Fraktionschef der CDU und Erster Vize-Bürgermeister der Weinstadt, feiert heute seinen 75. Geburtstag

Segeln und Politik – standfest auch im Gegenwind

Archivartikel

Auf öffentlichen Veranstaltungen ist er seltener zu treffen als auf seinen langen Spaziergängen, die er in und um Schriesheim gerne unternimmt. Und zur Tagespolitik vor Ort hält er sich zunächst eher bedeckt. Doch wenn er etwas sagt, dann hat das Gewicht, denn sein Ansehen ist ungebrochen. In dieser Gewissheit kann Siegfried Schlüter, der langjährige Chef der CDU-Gemeinderatsfraktion und Vize-Bürgermeister, heute seinen 75. Geburtstag begehen.

Dieses Ansehen, seine hohen Ämter, gar mehrmals Stimmenkönig bei Gemeinderatswahlen zu sein – keineswegs selbstverständlich, ist er doch ein „Reingeplackter“, der man für manche Schriesemer ja auch nach jenen 50 Jahren des Lebens im Ort noch bleibt, die er hinter sich hat. Denn geboren wird er am 20. Juli 1943 in Königsberg als Spross einer uralten ostpreußischen Familie. Der Vater Richter, die Mutter Ärztin. Als Anfang 1945 die Rote Armee naht – der Vater ist mittlerweile gefallen – , bricht die Mutter allein mit dem anderthalbjährigen Kind zur Flucht auf – bei eisigem Frost, zu Fuß, auf einem überfüllten Flüchtlingsschiff.

Sie landet in Holstein, wo sie sich eine Existenz aufbauen, ihren Sohn alleine durchbringen muss, indem sie eine Landarztpraxis betreibt. Schlüters Hochachtung vor den Frauen dieser Generation, verbunden mit dem Hinterfragen manchen Wehklagens unserer Tage – das hat in dieser Erfahrung ihren Ursprung.

Er macht das Abi, studiert Volkswirtschaft in Hamburg, Bochum (dem Wirkungskreis von Kurt Biedenkopf) und Heidelberg, was ihn nach Schriesheim verschlägt – ins hiesige Studentenwohnheim. In der Weinstadt lernt er die Tochter des bekannten CDU-Stadtrates und Liederkranz-Vorsitzenden Ludwig Schaaff kennen; es folgt die Heirat.

Es ist die Hoch-Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Doch als Norddeutscher quasi geborener Segler, vermag er auch und gerade im Gegenwind zu bestehen. Und so schärft die Konfrontation mit Vertretern der extremen Linken an der Uni seine konservative Haltung nur noch mehr. Mit Freunden wie Heinrich Kling, Horst Schütze und Gabi Haupt, ebenfalls Urgesteine Schriesheimer Politik, gründet er 1973 die örtliche Junge Union. 1980 wird er Stadtrat, 1984 Fraktionschef. Seine Redebeiträge gelten als Marksteine vieler Ratssitzungen.

Die schleichende Erosion konservativer Werte in Staat und Gesellschaft, schließlich der Siegeszug der Grünen sogar in Schriesheim, macht ihn zunehmend betroffen, ja ratlos. 2007 gibt er den Fraktionsvorsitz ab, 2011 das Ratsmandat. Mag er an der CDU im Bund zuweilen verzweifeln – gegenüber deren Aktiven vor Ort steht seine Loyalität außer Frage.

Der Jubilar zeigt aber auch: Man kann seinen politischen Weg geradlinig gehen und sich doch – oder vielleicht ja gerade deswegen? – allseitiger Achtung erfreuen. Der Mutterwitz, der für ihn ebenso charakteristisch ist, sorgt stets dafür, dass auch nach dem heftigsten Streit menschlich nichts zurückbleibt.

Zu jenen, denen er sich verbunden fühlt, steht er, selbst wenn diese sich mal einen Bolzen leisten. Auch im Gegenwind – eben ganz Segler.