Schriesheim

Schriesheim Aus dem Volksbildungswerk hat sich die heutige VHS entwickelt / Kurse für Handy-Apps und Internet-Seminare

Sogar schon eine Ehe gestiftet

„ . . . dass die Ziele echter Wissensvermittlung und echter Bildung nicht durch die Fernsehröhre, sondern am ehesten durch persönliche Kontakte zwischen Referent und Hörer erreicht werden.“ Das schreibt Emma Landwehr in ihrem Rückblick auf zehn Jahre Volksbildungswerk (VBW), wie die heutige Volkshochschule (VHS) ursprünglich hieß.

Zu Papier gebracht hat sie ihn 1964, und auch wenn es heute kaum noch Röhrenfernseher gibt, sind ihre Ansichten über den Unterricht doch einigermaßen zeitlos. Landwehr war die zweite Leiterin des VBW, sie setzte die Arbeit ihres früh verstorbenen Mannes Richard fort. Zum ersten runden Jubiläum der 1954 gegründeten Einrichtung listete sie stolz 200 Einzelveranstaltungen mit einer eindrucksvollen Besucherzahl von 20 000 Personen auf.

„Yoga für Hausfrauen“

Im Schnitt kamen 126 Menschen pro Abend; das war, nachdem die Einrichtung, wie sie formulierte, „zu einem Begriff“ geworden war: Bei der Jugend machte sie Interesse aus, ebenso bei den Älteren. Für sie gab es Vorträge im Kreisaltenheim, die sehr beliebt waren.

„Zu den Besonderheiten der Schriesheimer VHS“, sagt ihre heutige Leiterin, Sonja Althoff, „gehören unsere jährlichen Fahrten nach Salzburg.“ Ab 1963 fanden die Reisen statt, erklärt sie im „MM“-Gespräch. Der Volkskundler Karl Zinnburg brachte den Schriesheimern das traditionelle Salzburger Adventssingen nahe. Sie waren begeistert, fuhren zeitweise mehrmals im Jahr. Einmal war auch Landwehrs Nichte dabei. Sie verliebte sich in den Dozenten, 1979 wurde geheiratet – so gesehen hat die VHS bereits eine Ehe gestiftet. Bis heute ist Brigitte Zinnburg für die Führungen verantwortlich.

1972 wurde Roland Nunheim Leiter; wie auch seine Vorgänger arbeitete er auf ehrenamtlicher Basis, unterstützt von Ernestine „Erne“ Keuthen, die noch im Ort unterwegs war, um die Kursgebühren bei den Teilnehmern zu kassieren. Einige Jahre später schlossen sich sieben Einrichtungen, darunter auch Schriesheim, zur VHS Lobdengau zusammen – ein Verbund, der lange nur auf dem Papier existierte.

Von 1983 bis 2000 leitete Beate Keppel die Einrichtung, die anfangs unter einfachsten Bedingungen arbeitete. Es gab ein Büro im Rathaus, und Keppel erinnerte sich: „Da hatten wir Schreibtisch, Telefon und Schreibblock.“

Bei all dem gedieh die VHS: Wurden 1986 noch zehn Kurse abgehalten, so waren es 1988 schon 74 und 1989 schon 179. In dieser Zeit folgte der Austritt aus dem Lobdengau-Verband, der Gemeinderat entschied sich für eine VHS in freier Trägerschaft. Die Leiterin war jetzt hauptamtlich beschäftigt, und die Schule nahm eine Ausnahmestellung ein: Während andere Einrichtungen geschlossen wurden, konnte sie ihre Nutzerzahlen auf 306 Veranstaltungen 1993 steigern.

Keppel nannte einen Zuwachs auf 3335 Teilnehmer. Anders ausgedrückt: 27 Prozent der Einwohner besuchten Seminare oder Vorträge in der VHS. Sie brauchten Platz, gerade vormittags, wo Nähkurse stattfanden und, tatsächlich, „Yoga für Hausfrauen“. Wenig später zeichneten sich Schwierigkeiten ab, der damalige Bürgermeister Peter Riehl beklagte eine angespannte Haushaltslage. 1994 stellten Land und Kreis die Bezuschussung ein. Reagiert wurde mit einer Gebührenerhöhung sowie mehr Seminaren für berufliche und politische Weiterbildung.

An anderer Stelle kündigte sich Entspannung an: Die Platznot hatte ein Ende, als die letzten Klassen aus dem einstigen Jörg-Bau im Hof der Strahlenberger Grundschule auszogen und die Stadt das Bauwerk sanierte und umrüstete für die VHS.

Mehr gemeinsam tun

Keppel zog sich im Jahr 2000 zurück, blieb aber der VHS bis zu ihrem Tod verbunden. Ihr Nachfolger wurde Frank Röger. Die Programme wurden dicker, neue Angebote geschaffen Kontakte ausgebaut und gepflegt. 2018 wurde Röger, der heute in der Dossenheimer Verwaltung arbeitet, verabschiedet. Ihm folgte Althoff, die ihrerseits Akzente setzt.

Sie hat der Broschüre ein neues Gesicht gegeben, will das Angebot in Wilhelmsfeld erweitern, setzt auf Kooperationen mit anderen VHS, „Webinare“ in Finanzbuchführung und baut Herz- und Lungensportgruppen aus. Ein voller Erfolg wurden Seniorenschulungen in Sachen Handy-App: Sie seien ausgebucht, sagt Althoff, und es gebe Wartelisten. Zudem ist derzeit ein Newsletter für Nutzer und andere in Arbeit.

Was den Unterricht angeht, sieht sie es wie einst Landwehr und schätzt den direkten Kontakt: „Die Menschen haben eine Sehnsucht, wieder mehr gemeinsam zu machen, Dinge zu hören, zu fühlen, zu schmecken.“