Schriesheim

Schriesheim Künstler Gunter Demnig verlegt elf Stolpersteinen / Nachfahren und Angehörige der Opfer ergreifen das Wort

Susan Tabin: „Mein Herz ist voll“

Die Schritte zum Mikrofon geht Lora Tobias selbst, auch wenn die 89-Jährige sonst froh ist, sitzen zu können. Doch die Worte, die sie nun an ihre ehemaligen Mitbürger richtet, im Rücken ihr Elternhaus und vor sich ihre Familie, möchte sie lieber im Stehen sprechen. Neben ihr arbeitet Gunter Demnig gerade den Stolperstein mit ihrem Namen ins Gehwegpflaster ein, darauf stehen stichpunktartige Lebensdaten: „Hier wohnte Lore Sussmann, Jahrgang 1929, Flucht 1938, USA“.

Rund 200 Schriesheimer sind zur gestrigen Verlegung von insgesamt elf Stolpersteinen gekommen, darunter Schulklassen, Stadträte, die evangelische Pfarrerin Suse Best, ihr katholischer Amtskollege Ronny Baier und Mitglieder der Initiativgruppe Stolpersteine, die den Termin mit Künstler Demnig organisiert hat.

Vor 80 Jahren in die USA

Sie bekommen Einblicke in die lange, mit Schriesheim verbundene Familiengeschichte der Oppenheimers, von der sich knapp 100 Jahre im Haus Heidelberger Straße 8 abspielten, wo die Familie „ein angenehmes Leben“ führte bis zur Einführung der Nürnberger Gesetze. Auf einmal wurden die Kaufleute gemieden, entschlossen sich, Deutschland mit Hilfe eines Onkels zu verlassen: Lora Tobias’ Großvater Simon Oppenheimer und ihre Eltern Selma und Ludwig Sussmann bestiegen mit ihr vor 80 Jahren ein Schiff in die USA. An sie erinnern nun ebenfalls Stolpersteine vor dem Haus.

Ihrem Onkel Ludwig Oppenheimer, der nach einer Hirnhautentzündung geistig behindert blieb, wurde die Ausreise verweigert; nach einer Station im Jüdischen Altenheim Gailingen wurde er 1940 ins Lager Gurs deportiert, wo er noch im selben Jahr starb. Auch für ihn gibt es eine Messingtafel, und als seine Nichte über ihren Spielkameraden und Beschützer vor der Hitlerjugend spricht, wird es noch ein bisschen stiller in der großen Runde. „Das Abschiednehmen von Ludwig“, sagt Tobias, „war der traurigste Tag in meinem Leben. Ich bin die einzige noch lebende Person, die sich an Ludwig erinnert, und mir liegt viel daran, dass sein Name nun aufgrund des Stolpersteins weiter lebt.“

In den USA fasste Lora Tobias rasch Fuß; nach 80 Jahren dort werde diese wohl die letzte Reise nach Deutschland sein, sagt sie, bevor ihr Mann Sig das traditionelle Kaddisch-Gebet spricht, dessen letzter Satz lautet: „Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel.“

Einfühlsam gespielte Musik steuern die beiden jungen Künstler Mira Müller (Querflöte) und Ruven Engelmann (Cello) hier und ganz am Anfang der Veranstaltung bei: Der erste Stein wird verlegt für Seligmann Fuld, der bis zu seiner Flucht 1938 im Haus Römerstraße 15 lebte und arbeitete. Später am Morgen wird noch vor einem anderen Haus gebetet. Hannah Tabin, Miriam und Clara Marx sagen: „So lange wir leben, werden wir uns an sie erinnern, sie sind ein Teil von uns.“ Die jungen Frauen sind die Enkelinnen von Lothar Marx, der mit seinen Brüdern Manfred und Herbert in der Friedrichstraße 18 aufwuchs; die Eltern Klara und Josef Marx flohen 1939 in die USA, die Söhne hatten da bereits das Land verlassen.

In Deutschland wie zu Hause

Schüler des Kurpfalz-Gymnasiums und der Kurpfalz-Realschule (KRS) erinnern hier wie an den anderen Stationen an das Leben dieser Menschen, für die Demnig Stolpersteine verlegt. Die Schüler übersetzen ihre Ansprachen ins Englische, manchmal fungiert auch KRS-Rektorin Petra Carse als Übersetzerin.

Etwa für Susan Tabin: Die Tochter von Lothar Marx beschreibt ihre Großmutter als „Lady“ und den Opa als liebenden, fürsorglichen Mann. Dann macht sie weiter auf Deutsch, dankt für das herzliche Willkommen in Deutschland, wo sie sich wie Zuhause fühlt: „Mein Herz ist voll.“

Im Namen der Schriesheimer Jugendlichen spricht Martin Stepic, der es begrüßt, mitten in der Stadt der Geschichte zu begegnen. Professor Joachim Maier von der Initiativgruppe Stolpersteine dankt den Besuchern und der Gemeinde; Bürgermeister Hansjörg Höfer spricht von der Erinnerung als würdigster Form der Anteilnahme, des Respekts und lobt die Erinnerungskultur, die vor Ort gewachsen sei. Das letzte Wort haben schließlich die Kurpfalz-Grundschüler. Von ihnen kommt zum Abschluss ein gesungenes „Shalom“.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/schriesheim