Schriesheim

Schriesheim Wegen Regens kann die Winzergenossenschaft ihre Weinlese erst verspätet starten / Geschäftsführer Harald Weiss ist dennoch erleichtert

„Trauben sehen gut aus und sind gesund“

Als Harald Weiss gestern früh aus Altenbach in sein Büro in die Schriesheimer Altstadt fährt, da ahnt er nichts Gutes: „Ich dachte, wenn ich aus dem Tunnel komme, wird‘s besser“, scherzt der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Schriesheim. Doch das wird es nicht. Im Gegenteil: Es regnet sich ein. Erst am Mittag hellt sich der Himmel auf und damit die Miene von Weiss. Gestern Abend lautet die Bilanz des ersten Tags der Weinlese: um einige Stunden verspäteter Beginn, aber gute Qualität.

Der erste, der gestern Morgen in den Weinbergen zu Gange ist, ist Karl-Heinz Morast. „Um halb sieben habe ich losgelegt“, berichtet er. Und schon um viertel nach acht liefert er seine Trauben im Kelterhaus im Schriesheimer Gewerbegebiet ab – und kommt quasi dem Regen zuvor.

Pause am Kuhberg

So herrscht danach erst einmal Ruhe zwischen den Rebstöcken am Kuhberg. Denn hier hängen die Trauben der Sorte St. Laurent, mit der die Lese 2018 beginnt. „Das ist eine superfrühe Sorte“, erläutert Weiss die Auswahl. Zwei Hektar vor allem am Kuhberg sind damit angebaut, von einer Hand voll Winzern. Ruhe herrscht hier gestern jedoch deshalb, weil bei Regen nicht gelesen werden soll. „Das steht in jedem Leseplan“, erinnert Weiss.

In seinem Büro treiben ihn derweil Sorgen um. „Das kann man nicht so locker nehmen nach dem Motto ‘eben ein Tag später‘“, erläutert er. Immerhin sind für den Abend zwei Lastwagen gechartet, die das Lesegut des ersten Tages in den Badischen Winzerkeller nach Breisach fahren sollen – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und auch sonst geriete der sorgsam gestaltete Fahrplan der Lese leicht ins Rutschen.

Warten auf die Sonne

Doch im Laufe des Vormittags, da verschwinden die Wolken am Himmel über der Bergstraße wieder. „Der Regen hat gerade noch rechtzeitig aufgehört“, konstatiert Weiss erleichtert. „Trotzdem kann natürlich nicht gleich losgelegt werden“, weiss der Fachmann: „Es muss erst einige Zeit vergehen, damit sie abtrocknen können“, sagt Weiss und nennt auch den Grund: „Viel Wasser an den Trauben führt zu drei bis vier Grad Oechsle weniger Qualität.“

Nach und nach liefern die Winzer, die diese Sorte anbauen, im Kelterhaus ab. Es sind nicht sehr viele: neben dem eingangs bereits erwähnten Karl-Heinz Morast nennt die Ablieferungsliste Hartmut Haas, Tobias Heberle, Heiko Joest, Winfried Krämer und Karlheinz Spieß.

Am Nachmittag trifft Weiss im Kelterhaus aus. Die Sonne strahlt auf die stählernen Bottiche, die mit einem Gabelstapler in Reih‘ und Glied platziert werden und auf ihren Versand nach Breisach warten. Schon beim ersten Blick auf die Trauben ist Weiss zufrieden: „Sie sehen gut aus und sind gesund“, urteilt er: „Vor allem die Kirschessigfliege ist in diesem Jahr zum Glück kaum ein Problem. Ihr war es einfach zu heiß.“

Doch wie gut ist die Qualität genau? Weiss bohrt einen Stab in das Traubengut, holt einige Tropfen Saft heraus und gibt sie auf den Rekraktometer, übrigens die elektronische Version dieses traditionellen Messgerätes. „Den haben wir seit dem vergangenen Jahr“, berichtet er.

Die Ergebnisse lauten: 78 Grad Oechsle, 77, 79, 76. „Das ist gut und liegt im Bereich der vergangenen Jahre“, zeigt Weiss sich zufrieden. Interessant: Je später am Tag gelesen wird, desto besser ist die Qualität. Jeder Sonnenstrahl erhöht das Ergebnis, jeder Tropfen Wasser senkt es.

Was passiert nun mit den Trauben? Diejenigen mit den höchsten Oechsle-Werten wandern nach Breisach, um dort im Barriquefass zu reifen und noch etwas Power, sprich Alkohol zu tanken. Die anderen werden verarbeitet, um bereits am ersten Advent diesen Jahres als „St. Laurent No. 1“, landläufig als Primeur ein Begriff, verkauft zu werden.

Gestern Abend treffen die beiden Lastwagen ein. 28 der großen Bottiche passen auf einen Wagen. „Etwa 20 Tonnen“, so Weiss, werden mit ihnen zum Badischen Winzerkeller transportiert, der den Wein der Genossenschaft ausbaut, so dass er im nächsten Jahr zur Verfügung steht.

Und darauf wird schon gewartet. Gestern Nachmittag kommt der Repräsentant einer Karlsruher Weinagentur vorbei, die als Partner der WG fungiert. Seine Antwort auf die Frage des „MM“ nach der Bedeutung des Schriesheimer Weins für sein Sortiment: „Unaustauschbar“.