Schriesheim

Schriesheim Im Historischen Zehntkeller Neujahrsempfang der Bergsträßer Grünen mit der Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock

„Tröpfchen Schriesecco kann helfen“

Archivartikel

Wer wissen möchte, wie es um die Stimmung der Grünen bestellt ist, für den ist der gestrige Abend in Schriesheim ein guter Gradmesser. Bereits eine Stunde vor dem offiziellen Einlass strömen die ersten Gäste, bei Beginn der Veranstaltung ist der Historische Zehntkeller bis auf den buchstäblich letzten Platz gefüllt. Angemessene Kulisse für den Ehrengast Annalena Baerbock, seit einem Jahr mit Robert Habeck an der Spitze der Bundes-Grünen und seither Personifizierung von deren Höhenflug.

Bei Baerbocks Wahl vor einem Jahr ergreift die örtliche Abgeordnete Franziska Brantner die Gelegenheit beim Schopfe und lädt sie zum jetzigen Neujahrsempfang ein. „Und sie hält Wort.“ Am Frankfurter Flughafen von MdL Uli Sckerl abgeholt, ist sie pünktlich da, allen Witterungswidrigkeiten zum Trotze.

In dunkelblauem Kleid mit roten und hellblauen Streifen betritt sie den Zehntkeller (dessen Bar wiederum stilecht grün ausgeleuchtet ist). Nein korrekter: Sie hält in dem ehrwürdigen Gemäuer Einzug, begeistert empfangen in einer Weise, wie sonst nur die CDU ihre Vorsitzende feiert. Auf dem Tisch steht Rittersberg Spätburgunder trocken der Genossenschaft und naturtrüber Apfelsaft vom Röderhof in Heppenheim.

Eintragung ins Goldene Buch

Während der Hirschberger Tobias Escher am Akkordeon aufspielt, erläutert Bürgermeister Hansjörg Höfer der Parteifreundin die Location. Er hat das Goldene Buch der Stadt dabei, angelegt zur 1200-Jahr-Feier 1964, und zeigt ihr den ersten Eintrag: Kurt Georg Kiesinger, damals Ministerpräsident, später Bundeskanzler. Auch Baerbock trägt sich ein. „So viel hat noch niemand geschrieben“, staunt der Rathauschef. „Das gemeinsame Miteinander lebt vor Ort“, hinterlässt der Ehrengast unter anderem: „Auch ein Tröpfchen Schriesecco kann helfen“.

„Vielen Dank, dass Du gekommen bist“, drückt die Kreisvorsitzende Fadime Tuncer aus, was alle hier denken: „Du bist wahnsinnig engagiert. Du hast mit Robert Habeck einen großen Anteil daran, dass wir so gut dastehen.“ Und als sie die örtlichen Mandatsträger aufzählt, wird deutlich, dass dies an der Bergstraße schon lange der Fall ist: Sie begrüßt die grüne Bundestagsabgeordnete, den grünen Landtagsabgeordneten, den grünen Bürgermeister, grüne Stadträte, welche die größte Fraktion im hiesigen Gemeinderat bilden.

„Mit Eurer Leistung gebt Ihr mir so viel Zuversicht, wo ich als Bundesvorsitzende doch eigentlich gekommen bin, um Euch Zuversicht zu vermitteln“, lächelt Baerbock, begleitet vom Geläut für den Sternsinger-Gottesdienst in der nahen Kirche. Erfolg sei auch Ergebnis von Geschlossenheit – in der Politik wie im Verein: „Ich habe früher Fußball gespielt“, erzählt sie: „Als in der Kabine rumgezickt wurde, da hat‘s mir gereicht.“

Und dann wirbt sie für ihr großes Thema, die Ökologie. „Es geht jetzt nicht mehr darum, Straßenlampen auszutauschen“, macht sie klar. Längst muss man ans Eingemachte, etwa den Kohleausstieg. Und das werde hart: „Was hab‘ ich mich beleidigen lassen müssen von Bergarbeitern!“ Doch der Vorwurf, Umweltpolitik treffe die Schwachen, sei falsch: „Wer wohnt denn an den Straßen, die am meisten von Feinstaub geplagt sind? Doch nicht die, die im Grünen wohnen können.“

Ihr zweites großes Thema, das ist der Zusammenhalt der Gesellschaft. Und hier sagt sie Dinge, „die nicht an unserer Wiege standen“, wie sie einräumt. Denn sie fordert: „Wir brauchen eine gute und starke Polizei in jedem Winkel des Landes.“ Das sei unerlässlich, um den Rechtsstaat zu verteidigen – nach allen Seiten hin.

Und als drittes Thema: Europa. „2019 wird ein Schicksalsjahr für Europa“, mahnt sie und legt ein auch emotionales Bekenntnis zur EU ab: „Wenn Demonstranten, die in Polen und Ungarn, Italien und Österreich für Demokratie kämpfen, die Europafahne schwenken, dann ist das doch eine wundervolle Sache.“

Nach einer dreiviertel Stunde ist Schluss. Sie muss nach Heidelberg, zum Neujahrsempfang ihrer dortigen Parteifreunde. „Schade, dass es diesmal so kurz ist“, bekennt sie, verspricht jedoch: „Ich komme zum Kommunalwahlkampf gerne wieder.“ Und bittet daher, ihr wegen eines Termins einfach eine Mail zu schicken: „Die stehen ja“, spielt sie mit bitterer Ironie auf den aktuellen Skandal an, „jetzt alle im Netz“.