Schriesheim

Schriesheim Begehung zu den „Stolpersteinen“ mit den Initiatoren Monika Stärker-Weineck und Joachim Maier

„Verlegen allein bringt nichts“

Archivartikel

Überall in Schriesheim findet man sie. Oft schenkt man ihnen wenig Beachtung, läuft zuweilen einfach daran vorbei oder gar darüber. Aber die 26 Stolpersteine, die mittlerweile im Stadtgebiet verteilt sind, erinnern an das Schicksal der Menschen, die an diesen Orten gelebt und gearbeitet hatten. Und damit an die Grausamkeit des Nationalsozialismus.

Seit 2002 arbeitet die „Initiative Stolpersteine“ daran, die Erinnerung an die jüdische Mitbürger, Widerstandskämpfer und Schriesheimer, die der Euthanasie zum Opfer gefallen waren, wach zu halten. Die Führungen zu den Stolpersteinen finden regelmäßig statt.

Schicksal der Familie Schlösser

Auch in diesem Jahr trafen sich wieder Interessenten gemeinsam mit Monika Stärker-Weineck und Joachim Maier von der „Stolperstein“-Initiative, um gemeinsam die Orte zu erkunden, an denen die Opfer des Nazi-Regimes gelebt hatten. „Es bringt nichts, die Steine nur zu verlegen und dann zu vergessen. Deshalb machen wir hier diese Führungen“, erklärte Stärker-Weineck.

Sie, Joachim Maier und fünf weitere Unterstützer hatten viele hunderte Stunden Archive gewälzt und Menschen befragt, um Informationen über die Opfer herauszubekommen. Sogar Reisen ins Ausland nahmen sie dabei auf sich. „Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber ein Dienst an der Erinnerungskultur in Schriesheim“, wissen sie.

Die Familie Schlösser etwa gehörte zu den Schriesheimer Juden. Sie flohen im November des Jahres 1933 in die Niederlande, wurden aber nach dem Einmarsch der Deutschen in ein Konzentrationslager deportiert. Der Sohn der Familie, Alfons Schlösser, kam 1944 in der Umgebung von Auschwitz zu Tode. Seine Eltern und die Tochter Gerda starben 1943 im Vernichtungslager Sobibór in den Gaskammern.

Ein weiterer Stolperstein ist Karl-Heinz Klausmann gewidmet. Er wurde als Kind von protestantischen Christen in Schriesheim adoptiert, getauft und konfirmiert. Da er jedoch keinen „Ariernachweis“ vorweisen konnte, war auch er von Deportation bedroht und musste nach Frankreich fliehen. Dort schloss er sich den Widerstandskämpfern an und wurde gefangen genommen, doch er schaffte es wieder, den Nazis zu entfliehen. Als der Krieg schon fast beendet war, ist Klausmann in einem Nachhutgefecht am 7. Mai 1945 doch noch gefallen.

Immer wieder gesellten sich Anwohner der Häuser, vor denen Stolpersteine verlegt sind, zu der Führung und lauschten dem Schicksal der Menschen, die vor ihnen dort gelebt hatten. „Mir war klar, was der Stein bedeutet, aber ich habe mich mit dem Menschen, für den er verlegt wurde, nie beschäftigt. Deshalb ist das jetzt umso spannender für mich“, betonte eine Anwohnerin.

Insgesamt fünf Stationen lief die Gruppe an. An einigen waren die Stolpersteine schon etwas verwittert und mussten von Monika Stärker-Weineck erst wieder poliert werden. Andere schimmern nach wie vor blitzeblank – von den vielen Füßen, die täglich darüber laufen, so etwa in der Kirchgasse.

„Die Führung hat sich definitiv gelohnt, denn sie hat die Menschen und deren Schicksal wieder ins Gedächtnis gerufen“, resümierte Monika Stärker-Weineck nach dem zweieinhalbstündigen Rundgang durch die Schriesheimer Innenstadt. „Die Teilnehmer waren alle sehr interessiert, haben viele Fragen gestellt. Und so haben wir das, was wir erreichen wollten, auch erreicht.“

Am 5. Juli sollen in Schriesheim elf neue Stolpersteine verlegt werden, hinter denen wieder elf Schicksale von Menschen stehen, die durch den Nationalsozialismus vertrieben wurden und sterben mussten. Zur Verlegung wollen rund 15 Nachkommen der Familien Oppenheimer und Marx aus den USA nach Schriesheim kommen. Stärker-Weineck ist sich sicher: „Das wird sehr emotional werden. Aber es ist sehr schön, dass unsere Arbeit auch im Ausland so gewürdigt wird.“