Schriesheim

Rückblick Théo Kerg, ein Meister des Genres, überlässt der Weinstadt seine Werke

Weggefährte Pablo Picassos

Archivartikel

Die Gemeinden unserer Region erfreuen sich zahlreicher ehrenamtlich geführter Kunstvereine und privater Galerien. Und dennoch besitzt Schriesheim in diesem Bereich ein Alleinstellungsmerkmal – ein Museum mit den Werken eines international renommierten Künstlers: Théo Kerg (1909-1993), Schüler von Paul Klee sowie Weggefährte von Pablo Picasso und Henri Matisse.

Geboren wird er 1909 im luxemburgischen Niederkorn. Nach dem Abitur studiert der junge Kerg 1929 bis 1932 Malerei und Bildhauerei in Paris. Hier wird er Teil der kosmopolitisch geprägten Kulturszene, stellt aus mit Pablo Picasso und Henri Matisse, freundet sich außerdem an mit dem Komponisten Igor Strawinsky.

Und er knüpft erste Kontakte nach Deutschland. In Düsseldorf ist er an der Akademie Schüler von Paul Klee, dessen Formsprache für ihn wegweisend wird. Im Jahr der Machtergreifung der Nazis 1933 kehrt er nach Luxemburg zurück, arbeitet dort fortan als Kunstlehrer.

Schwierige Kriegsjahre

Nach der Besetzung seiner Heimat durch die Wehrmacht 1940 wählt er seinen Weg zwischen Behauptung und Anpassung. Nach dem Kriege gilt dies als Kollaboration. Vier Tage nach der Befreiung Luxemburgs im September 1944 wird er inhaftiert und muss Arbeitsdienst in einer Fabrik leisten. In einem Spruchkammerverfahren wird er zu zehn Monaten Haft verurteilt, die durch den Arbeitsdienst aber als verbüßt gilt.

Er geht zurück nach Paris. In der vornehmen Rue St. Honoré, in der auch der Elysée-Palast liegt, betreibt er im Haus Nr. 203 ein Atelier. In unserer Region wird er bekannt durch „Kunst am Bau“: 1965 die Fassade der Mannheimer Trauerhalle und 1960 die Innengestaltung der Kirche St. Andreas Neckarhausen. Doch in seiner Heimat bleibt er persona non grata; das Nationalmuseum lehnt Ausstellungen von ihm weiter ab.

Vor diesem Hintergrund sucht Kerg gegen Ende seines Lebens einen Ort, an dem sein Werk bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Und hier kommt das kleine Schriesheim ins Spiel. Denn dort wohnt Ingrid Neumann, Tochter einer kunstsinnigen Familie, die den 30 Jahre älteren Meister seit frühester Jugend kennt; ihr Ehemann Franz wird sein Arzt.

Kerg äußert die Idee, sein Lebenswerk in Schriesheim zu bewahren. Franz Neumann, einflussreicher Stadtrat der CDU, sorgt für die politische Rückendeckung im damals noch dominierenden bürgerlichen Lager im Rat, in dem die Freien Wähler skeptisch bleiben. Bürgermeister Peter Riehl bietet als Ort eine Scheune im Ortskern an, die im Zuge der Altstadtsanierung saniert wird.

1989 ist die Eröffnung, an der Kerg noch teilnimmt. Er stirbt am 4. März 1993 nahe Autun in Frankreich. Die Familie jedoch ist weniger begeistert davon, dass Schriesheim Kergs Werke erhält. Juristische Auseinandersetzungen dauern Jahrzehnte, bis ein Modus vivendi gefunden wird.

Noch lange sind manche Schriesemer sich nicht bewusst, welches Kleinod sie besitzen. Legendär die Äußerung von Freie-Wähler-Fraktionschef Heinz Kimmel, sich selbst ans Steuer des Lasters zu setzen, sollten die Werke Kergs endlich zurück nach Luxemburg geschafft werden.

Derweil erwacht das Interesse an Kerg auch in seiner Heimat, die so viele berühmte Künstler ja nicht hat. Wegbereiter wird Mark Jeck, Kantor der Kirche in Luxemburg-Stadt, deren Fenster Kerg Ende der 1970er Jahre gestaltet, und beruflich bei der Tourismuswerbung der Hauptstadt tätig. Über Annika Wind, Kulturredakteurin beim „MM“, knüpft er erste Kontakte zum Kerg-Museum.

Im Dezember 2013 gibt es erstmals Kerg-Ausstellungen in Luxemburg: eine im Nationalmuseum für Kunstgeschichte und eine im Bürgerzentrum Le Cercle-Cité. In der Tat schließt sich damit also ein Kreis.