Schriesheim

Schriesheim Seit rund 30 Jahren bewahrt ein Museum in der Altstadt das Lebenswerk des renommierten luxemburgischen Künstlers Théo Kerg (1909-1993)

Weggefährte von Picasso und Matisse

Die Gemeinden unserer Region erfreuen sich zahlreicher ehrenamtlich geführter Kunstvereine und privater Galerien. Und dennoch besitzt Schriesheim in diesem Bereich ein Alleinstellungsmerkmal – ein Museum mit den Werken eines international renommierten Künstlers: Théo Kerg (1909-1993), Schüler von Paul Klee sowie Weggefährte von Pablo Picasso und Henri Matisse.

Geboren wird er 1909 im luxemburgischen Niederkorn. Sein Vater ist Grundschullehrer, aber auch Musiker und sogar Erfinder. Nach dem Abitur studiert der junge Théo 1929 bis 1932 Malerei und Bildhauerei in Paris. Hier wird er Teil der kosmopolitisch geprägten Kulturszene, stellt aus mit Pablo Picasso und Henri Matisse, freundet sich an mit dem Komponisten Igor Strawinsky.

Und er knüpft bereits Kontakte nach Deutschland. In Düsseldorf ist er an der Akademie Schüler von Paul Klee, dessen Formsprache für ihn wegweisend wird. Im Jahr der Machtergreifung der Nazis 1933 kehrt er nach Luxemburg zurück, arbeitet dort fortan als Kunstlehrer.

Eine Zäsur bilden Einmarsch und Besetzung seiner Heimat durch die Nazis 1940. Bekannt ist seine Zugehörigkeit zur „Volksdeutschen Bewegung Luxemburgs“ (VBL) als Mitglied Nr. 8102. Dies – Kritiker nennen das „Kollaboration“ – ermöglicht sein weiteres künstlerisches Wirken inklusive öffentlicher Ausstellungen.

Das ist eine Seite. Die andere ist der Konflikt mit der deutschen Besatzungsmacht; sie wirft ihm vor, seine Kunst sei „zu französisch“ – damals ein Menetekel. Als 95 seiner Schüler 1942 zur „Umerziehung“ nach Deutschland geschickt werden, da protestiert Kerg schriftlich, tritt aus der „VBL“ aus, verlässt den Schuldienst und kauft einen Bauernhof. 1944 wird er sogar aus der Landeskulturkammer ausgeschlossen.

Vier Tage nach der Befreiung Luxemburgs im September 1944 wird er inhaftiert und muss Arbeitsdienst in einer Farbenfabrik leisten. In einem Spruchkammerverfahren wird er angeklagt und laut entsprechender Quelle zu einer Haft von zehn Monaten verurteilt, die durch den Arbeitsdienst aber als verbüßt gilt.

Er geht zurück nach Paris. In der vornehmen Rue St. Honoré, in der auch der Elysée-Palast liegt, betreibt er im Haus Nr. 203 ein Atelier. 1954 wendet er sich den Ideen der Künstlergruppe „Abstraction Creation“ zu und ändert seinen Stil, begründet gar einen eigenen, den Taktilismus – so genannt, weil die reliefartigen Oberflächen ertastet werden können. Sein erstes Werk in diesem Stil ist 1957 „Matin dans un Jardin Zen“.

In der Region verewigt

Hinzu kommt „Kunst am Bau“, in unserer Region 1965 die Fassade der Mannheimer Trauerhalle und 1960 die Innengestaltung der Kirche St. Andreas Neckarhausen. Doch in seiner Heimat bleibt er persona non grata; das Nationalmuseum lehnt Ausstellungen von ihm weiter ab.

Vor diesem Hintergrund sucht Kerg gegen Ende seines Lebens einen Ort, an dem sein Werk bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Und hier kommt das kleine Schriesheim ins Spiel. Denn dort wohnt Ingrid Neumann, Tochter einer kunstsinnigen Familie, die den 30 Jahre älteren Meister seit frühester Jugend kennt; ihr Ehemann Franz wird sein Arzt.

Kerg äußert die Idee, sein Lebenswerk in Schriesheim zu bewahren. Frank Neumann, einflussreicher Stadtrat der CDU, sorgt für die politische Rückendeckung. Bürgermeister Peter Riehl bietet eine Scheune im historischen Ortskern an, die im Zuge der Altstadtsanierung saniert wird. 1989 ist Eröffnung, an der Kerg noch teilnimmt. Er stirbt am 4. März 1993 nahe Autun in Frankreich.

Die Familie ist weniger begeistert davon, dass Schriesheim seine Werke erhält. Juristische Auseinandersetzungen dauern Jahrzehnte, bis ein Modus vivendi gefunden wird.

Zugleich erwacht das Interesse an Kerg auch in seiner Heimat, die so viele berühmte Künstler ja nicht hat. Wegbereiter dafür wird Mark Jeck, Kantor einer Kirche in Luxemburg, deren Fenster Kerg Ende der 1970er Jahre gestaltet hat, und beruflich bei der Tourismuswerbung der Hauptstadt tätig. Über Annika Wind, damals Kulturredakteurin beim „Mannheimer Morgen“, knüpft er erste Kontakte zum Kerg-Museum.

Im Dezember 2013 gibt es erstmals Kerg-Ausstellungen in Luxemburg: eine im Nationalmuseum für Kunstgeschichte und eine im Bürgerzentrum Le Cercle-Cité. In der Tat schließt sich damit also ein Kreis.