Schriesheim

Schriesheim Allein aus Rücksicht auf die Nachbarschaft wird die Synagoge in der Altstadt 1938 nicht in Brand gesetzt, aber dennoch verwüstet

Wenige Gebetbuch-Seiten gerettet

Seit Jahren erforscht Professor Joachim Maier das jüdische Leben in Schriesheim. Dank seiner Recherchen, die in Kürze in Buchform erscheinen, wissen wir genau, wie die Ausschreitungen im Zuge der Novemberpogrome vor Ort verlaufen.

In Schriesheim beginnen sie relativ spät, im Laufe des Vormittags des 10. November. Nach 10 Uhr begeben sich Parteiaktive und eine Gruppe von Hitlerjungen zur Synagoge, die in der ehemaligen lutherischen Kirche in der daher auch so genannten Lutherischen Kirchgasse 14 besteht.

Von Katharina Flößer, die im jüdischen Gemeindehaus nebenan wohnt und die Hausmeisterdienste versieht, erzwingen sie die Herausgabe des Schlüssels. Das Innere der Synagoge wird verwüstet, etwa der silberne Kronleuchter aus der Halterung gerissen, so dass er zu Boden fällt und in tausend Stücke zerbricht. Einrichtungsgegenstände, liturgische Bücher und Gewänder, Vorhänge und Teppiche, Stühle und Bänke werden in den Hof der Synagoge geworfen und in Brand gesetzt.

Junger Mann zeigt Zivilcourage

Der 17-jährige Schüler (und spätere evangelische Pfarrer) Wilhelm Metzger holt aus dem Aschehaufen im Hof des jüdischen Gotteshauses einige versengte Blätter aus Gebetbüchern und bewahrt sie damit vor der Zerstörung (Heute wird dieser „heilige Rest“ der Synagoge von der Stadt Schriesheim verwahrt).

Schließlich soll auch das Gebäude an sich in Brand gesteckt werden, Stroh und Holz liegen schon bereit. Das aber verhindert Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Fritz Urban, der gegen halb zwölf vor Ort eintrifft. Wie die Anwohner fürchtet er, ein Brand würde das gesamte Quartier in der dicht bebauten Altstadt in Gefahr bringen. Der Bürgermeister ordnet an, das erst im Entstehen begriffene Feuer zu löschen.

Die Thorarollen jedoch werden auf seine Anweisung hin in eine Kiesgrube am Ortsrand verbracht und dort verbrannt, das übrige Inventar geplündert. Stühle und Bänke, Tische und Teppiche verschwinden großteils in der Nachbarschaft.

Die NS-Zeitung „Hakenkreuzbanner“ höhnt am 11. November unter der Überschrift „Neues aus Schriesheim“ voller Zynismus: „Die Juden wurden gestern auch hier von rauher Hand aus ihrem beschaulichen Dasein aufgeschreckt. Glücklicherweise haben wir hier nur noch ungefähr ein halbes Dutzend in Schriesheim: Ihre Synagoge in der Kirchgasse wird künftig nicht mehr ihr Gemauschel hören. Bald wird Schriesheim judenfrei sein.“

Anfang vom Ende der Gemeinde

Zu diesem Zeitpunkt leben nur noch sieben jüdische Bürger in Schriesheim: Max und Hedwig Eppsteiner, Julius und Mina Fuld, Seligmann Fuld, Josef und Klara Marx. Schon am Nachmittag des 10. November wird Josef Marx aus der Friedrichstraße verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Im September 1939 verlassen Julius und Mina Fuld als letzte Juden den Ort. Mindestens elf Juden, die in Schriesheim gelebt haben, sterben in den Vernichtungslagern; die in Schriesheim jahrelang gepflegte Vorstellung, die hiesigen Juden hätten sich „rechtzeitig in Sicherheit bringen können“, ist reine Mär.

Das Gebäude der Synagoge ist längst ein privates Wohnhaus. An sein religiöses und historisches Erbe erinnert an der Mauer nur eine Tafel, die von der Stadt 1988 nach heftigen Diskussionen angebracht wird. Wichtigstes Zeugnis jüdischen Lebens ist der weitgehend unzerstört gebliebene Jüdische Friedhof von 1874 – eine beklemmende Symbolik.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/rhein-nEckar

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