Seckenheim

Seckenheim Vortrag über den „Bergsträßer Rezess“ von 1650

Die Grenzen von damals sind noch heute gültig

Trotz großer Schwüle machten sich etliche Interessierte auf dem Weg, um im Gemeindehaus der Erlöserkirche eine Veranstaltung des evangelischen Männervereins in Zusammenarbeit mit dem katholischen Bildungswerk zu erleben. Allein schon diese Kooperation ist bemerkenswert. Warum das so ist, darüber sprach Werner Bordne in seinem Vortrag zum „Bergsträßer Rezess“.

Bordne legte zunächst anschaulich die historischen Rahmenbedingungen dar, die zum Bergsträßer Rezess führten. Auf dem Schlachtfeld konnte im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) keine Entscheidung erzielt werden, Verhandlungen begannen, die im Westfälischen Frieden ihren Abschluss fanden. Deutschland wurde sowohl geografisch als auch konfessionell neu geordnet.

Die Pfalz, einst überaus bedeutend, fand sich auf der Landkarte nicht mehr wieder. Sie hatte bei den Friedensverhandlungen keine Stimme, und es brauchte Zeit, ehe Karl Ludwig als Kurfürst wieder eingesetzt war. Erst danach konnte er die Streitfragen, die die Orte entlang der Bergstraße, aber auch Seckenheim betrafen, angehen. Heraus kam am 24. September 1650 der „Bergsträßer Rezess“, ein Vertrag, der trotz des Namens auch Seckenheim betrifft.

Bis dahin waren nämlich Handschuhsheim, Dossenheim und Seckenheim unter Kurmainz katholisch. Nun wurden sie, wegen der Nähe zur Heidelberger Residenz, der Kurpfalz zugeschlagen. lm Gegenzug erhielt Mainz das Dorf Viernheim, das direkt an die Abtei Lorsch grenzte. Diese Grenze zwischen Kurmainz und der Kurpfalz entspricht dem Verlauf der badisch-hessischen Landesgrenze bis heute, obwohl die Viernheimer unstrittig kurpfälzer Mundart sprechen.

Seckenheim hätte demzufolge, nun der Kurpfalz zugehörig, protestantisch werden müssen. In der Vereinbarung aber erhielt jeweils auch die andere Konfession das Recht auf freie Religionsausübung, was die Einrichtung von Simultankirchen nach sich zog. Der Bergsträßer Vertrag legte fest, dass die Katholiken Seckenheims weiter von Kurmainz betreut werden, die Protestanten von der Kurpfalz. Damit war ausgeschlossen, dass die Katholiken per Verordnung dem reformierten Bekenntnis beitreten mussten. Was hatte dies nun für Konsequenzen?

Im Februar 1651 kehrte Seckenheim nach fast 30 Jahren Mainzer Herrschaft wieder unter die Pfälzer Oberhoheit zurück, allerdings mit der Möglichkeit für zwei Konfessionen. Da nämlich für Seckenheim Religionsfreiheit vereinbart war, konnten auch Katholiken zum Gottesdienst gehen.

Gemeinsame Kirchennutzung

Die Katholiken behielten Pfarrhaus und Schule, die Protestanten hatten beides neu zu errichten, weshalb das „alte“ evangelische Pfarrhaus ja gegenüber der St. Aegidiuskirche steht. Das Gotteshaus selbst sollte von beiden Konfessionen genutzt werden. Nach dem Prinzip fünf Siebtel für die Protestanten und zwei Siebtel den Katholiken, nutzten die Katholiken den Chorbereich und die Evangelischen das Langhaus der Kirche.

Mit Hinweis auf die heutige Ökumene zitierte Bordne die Verordnung, wonach Geistliche und Gläubige beider Konfessionen in Frieden untereinander zu leben und sich auf der Kanzel Schmähungen der anderen Konfessionen zu enthalten hätten. Sie schafften es sogar, wenn auch nicht ohne Unstimmigkeiten und Verärgerungen übereinander, mit Hofbaumeister Sigismund Zeller 1737/38 eine neue Kirche zu bauen.

Bis zum Bau der evangelischen Kirche 1869 wurde St. Aegidius also simultan genutzt. Obwohl Katholiken den Chorraum und Protestanten das Langhaus nutzten, betraten beide Konfessionen mehr als 200 Jahre lang ihr gemeinsames Gotteshaus durch dieselbe Tür im Turm der St. Aegidiuskirche, noch heute von Dorfseite her gut zu sehen. hat