Seckenheim

Seckenheim Weltreise durch die Jazzgeschichte

Frieder Berlin im Palü enthusiastisch gefeiert

Er ist Keyboarder der SWR 1 Band sowie Musikredakteur des Stuttgarter Senders: Frieder Berlin. Aber er ist insbesondere versierter Pianist, ein Musiker durch und durch, nimmt das Publikum sowie dessen Reaktionen wahr, sucht deshalb neben dem großen Konzertsaal auch den unmittelbaren Kontakt, wie ihn beispielsweise die Seckenheimer Kleinkunstbühne „Palü“ zu bieten hat. Und so nahm er einen fast ausverkauften Jugendstilsaal mit auf eine Weltreise durch die Jazzgeschichte und diese Tour war so „mitreisend“, dass die Musiker erst nach vier Zugaben die Chance hatten, in den mehr als verdienten Feierabend zu gehen. Denn was das um Hansi Schuller (Bass) und Peter Schmidt (Drums) komplettierte Trio auf die kleine Bühne zauberte, auf der auch einst schon Zarah Leander begeisterte, das war nicht nur von großer Qualität, sondern ebenso unterhaltsam und bei rund drei Stunden Jazz ungemein kurzweilig.

Ganz ohne Gesang

Frieder Berlin führte auf dem hundertjährigen Steinway-Flügel mit seiner Combo durch die Jahrzehnte des Jazz. Angefangen beim Ragtime über Dixieland, Boogie und Swing bis zu BeBop, Cooljazz und Bossa Nova und zur heutigen Form dieser Musik, ließ er eigentlich nur den atonalen Free Jazz aus. Dass dabei auf Gesang verzichtet wurde, schmälerte das Konzert keineswegs, zumal Berlin durchaus hätte singen können, wie er bei der Vorstellung von Charlie Parkers „Scrapple from the Apple“ kurz aber gekonnt unter Beweis stellte.

Überhaupt waren seine Erläuterungen zu den einzelnen Stücken ebenso treffend wie verständlich, heiter, bisweilen humorvoll und immer unterhaltsam. Zum Auftakt gab es mit „Route 66“ einen klassischen amerikanischen Bluestitel, gewiss zur Freude von Nat King Cole und des Publikums, das im Laufe des Konzerts sich schon bald unruhig auf den Stühlen bewegte, die Knie wippen ließ, bis hin zum leichten trommeln auf den Oberschenkeln.

Tosender Beifall

Das war auch kein Wunder, denn nach diesem gelungenen Einstig in die Jazzgeschichte folgte „The Entertainer“, einer der bekanntesten Rags von Scott Joplin, wie geschaffen für einen Klaviervirtuosen wie Frieder Berlin. Hatte er hier Gelegenheit sich auszuzeichnen, so boten weitere Titel, teilweise von ihm arrangiert, den beiden Kollegen ebenfalls Gelegenheit, ihr Können zu demonstrieren, und da wurde vom offensichtlich begeisterten Publikum mit Zwischenbeifall nicht gespart. Und es gab richtige Lacher, als Berlin zu „The Girl from Ipanema“, einer Komposition des Brasilianers Antônio Carlos Jobim, nach dem sogar der Flughafen in Rio de Janeiro benannt ist, anfügte, dass auch nach ihm ein Flughafen benannt sei, was er unter dem Gelächter der Gäste, aber eher peinlich nannte.

Kompositorisches Geschick

Zwischen weitere Klassiker, wie „Jumpin’ at the Woodside“ von Count Basie oder Henry Mancinis „Days of Wine and Roses“ mischte Berlin Eigenkompositionen und demonstrierte damit ein umfassendes kompositorisches Geschick, das er beispielhaft jeweils für die Vorstellung eines bestimmten Jazz-Stils nutzte. Aber es war beileibe keine Lehrstunde mit erhobenem Zeigefinger, sondern eine der großen Überraschungen im „Badischen“, denn einen Abend mit Jazz anzubieten, das war für Palü-Chef Andreas Hänssler ein Experiment. Und was ist das Resümee? Es war äußerst gelungen.