Seckenheim

Seckenheim David Haas berichtet vor Realschülern von seinem Vater, der als Kind im Alter von nicht einmal einem Jahr ins Konzentrationslager Theresienstadt kam

„Ihr tragt dafür keine Verantwortung“

Es ist ein Kinderbuch wie jene, die wir aus den ersten Jahren unseres Lebens kennen: Gezeichnete Bilder von einem kleinen Jungen, der neugierig aus dem Fenster schaut, der nascht, der herumtollt. Doch die Geschichte dieses Werkes ist bedrückend: Es entsteht 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt. Ein Vater gestaltet es dort heimlich für seinen Sohn zu dessen drittem Geburtstag. Der Vater kommt zu Tode, das Kind überlebt. Dessen Sohn David Haas stellt das Werk und seine anrührende Geschichte nun vor Realschülern in Seckenheim vor.

Wie es zu diesem Vortrag kommt, ist selbst eine Geschichte für sich. Denn der Dreijährige von 1944, Thomas Haas, lebt später in Mannheim und arbeitet in der Stadtbücherei Seckenheim. „Viele Ältere kennen den Mann mit Vollbart und Glatze sicher noch, der dort lange Zeit Bücher ausgegeben hat“, sagt sein Sohn.

Schüler Elias hat die Idee

Sein Sohn, das ist David, Jahrgang 1966. Er ist befreundet mit einer Seckenheimerin, deren Sohn Elias die Seckenheimschule besucht. Als die zehnte Klasse das Thema Nationalsozialismus behandelt, da hat Elias die Idee, David Haas einzuladen.

Die Geschichtslehrerin Dorothea Müller ist begeistert, Rektor Achim Jauernig unterstützt das Vorhaben, Parallelklassen stoßen hinzu. So steht David Haas, spürbar ein wenig aufgeregt, gestern vor rund 60 Jugendlichen, alle um die 16 Jahre.

In dem Alter seiner Zuhörer angemessener Sprache, zuweilen jedoch auch mit spürbar belegter Stimme, erzählt er die Geschichte seines Großvaters Bedrich Fritta. Ende der 1930-er Jahre lebt der Grafiker in Prag, wird als Jude von den Nazis ins Lager Theresienstadt deportiert; seine Frau und sein kleiner Sohn Thomas, damals nicht mal ein Jahr alt, müssen folgen. „Ich weiß nicht, ob Ihr kleine Geschwister habt. Dann könnt Ihr noch mehr ermessen, was das heißt“, macht Haas das Ausmaß des Schreckens anschaulich.

Die Zustände im Lager sind entsetzlich. Doch über allem droht die Deportation an einen noch schrecklicheren Ort – in ein Lager, das alleine der Ermordung dient: Auschwitz. Den drohenden Tod vor Augen, will Fritta überliefern, was er hier erlebt.

Aus kargen Materialien im Lager zwackt er das Nötige ab, um zu malen. Viele Bilder sind erhalten, Haas zeigt sie. Obgleich mit einfachsten Mitteln, schwarz-weiß gezeichnet, verfehlen sie ihre Wirkung nicht.

Um seinem kleinen Sohn Momente der Freude zu verschaffen, malt Fritta für ihn inmitten dieser Hölle eine heile Welt. Die Bilder zeigen Thomas schlafend, Thomas bei Ankunft eines Geschenkpaketes, mit Spielzeugeisenbahn, schöne Pferde. „Und das, wo im Lager höchstens Ratten rumgelaufen sind“.

Die letzte Seite zeigt eine hoffnungsvolle Zukunft: ein sichtlich duftendes Brathähnchen, süßen Sirup, frisches Obst, die Freiheitsstatue in New York als Symbol eines Lebens in Würde. Der Vater bindet die Blätter zusammen und überreicht dieses Büchlein seinem Sohn zu dessen drittem Geburtstag. Doch seine Botschaft bleibt Traum, Illusion.

Denn Thomas‘ Mutter stirbt noch in Theresienstadt, der Vater wird nach Auschwitz deportiert, wo auch er umkommt. Thomas jedoch überlebt. Leo Haas, ein Freund seines Vaters und mit diesem in Auschwitz, adoptiert den Jungen. Thomas Haas zieht später nach Mannheim; 2015 stirbt er im Alter von 74 Jahren. Auch das Kinderbuch „überlebt“, wird als Faksimile gedruckt.

Keine Schuldzuweisungen

Seinen Sohn David, geboren 1966, zieht es inzwischen an die Stätten seiner Vorjahren; seit kurzem lebt er in Prag. „Wenn Ihr mal dort seid, besucht mich“, lädt er seine jungen Zuhörer ein: „Ich arbeite dort als Stadtführer und kenne alle guten Kneipen und Clubs“ – eine Bemerkung, die mit dem ihr folgenden Schmunzeln für die Jugendlichen befreiend wirkt.

Haas‘ Vortrag ist naturgemäß geprägt von einer großen Melancholie, aber er ist ohne jede Bitterkeit. „Dass es das Kinderbuch noch gibt, zeigt, dass wir gewonnen haben“, sagt er. Und: „Ihr tragt keine Verantwortung für das, was geschehen ist.“ Jugendgerecht bekräftigt er: „Auf Eurer Generation liegt die Last einer Generation, die was ausgefressen hat, wofür Ihr aber nichts könnt.“

„Deutschland ist vom Bösewicht zum Vorzeigeland für Demokratie und Menschenrechte geworden“, betont Haas: „Darauf könnt Ihr stolz sein!“ Fast nebenbei fügt er hinzu: „Hoffen wir, dass es so bleibt.“