Seckenheim

Seckenheim Martin Zingsheim brilliert mit seinem scharfsinnigen Programm im Palü

Kölner Kabarettist „tierisch vegan drauf“

Archivartikel

Wäre Assoziations-Hopping olympisch, Martin Zingsheim könnte sich Hoffnungen auf Medaillen machen. Im Sturm hat er die Kleinkunstszene erobert, zahlreiche Kabarettpreise eingeheimst und den Sprung ins Radio sowie ins Fernsehen geschafft. Jetzt ist der 34-jährige Kölner mit seinem Soloprogramm auf Tournee. Er machte auch in der Seckenheimer Kleinkunstbühne Palü Station. Palü-Chef Andreas Hänssler dankte nicht nur einer Freundin für diese Empfehlung, sondern ist überzeugt, dass mit diesem „hervorragendem Kabarettabend“ auch das zweite Palü-Halbjahr Glanzpunkte setzt.

Zingsheim war gekommen, um über „das ganze Kabarett-Zeug“ und die „vielen Missstände“ zu sprechen. Allerdings, so räumte er im ausverkauften Saal ein, solle man ja nur über die Dinge reden, von denen man Ahnung habe. Deshalb sprach er lieber über Sprache und ihre Auswüchse. Dabei bereitet es dem Wortakrobaten diebische Freude, sein Publikum ein ums andere Mal zu überraschen, so etwa: Deutscher Expressionismus sei, wenn man zwei „Expressis“ bestelle.

Gewandt und pointiert

Sprachlich gewandt, pointiert und musikalisch versiert, präsentierte der promovierte Musikwissenschaftler sein aktuelles Bühnenprogramm. Der Kölner bevorzugt die charmant-verschmitzten Töne, und doch ist seine Botschaft eindeutig: Öfter mal die eigene Perspektive infrage stellen, denn jeder halte sich doch fälschlicherweise für normal und in seinem Kopf unweigerlich für den Mittelpunkt des Universums. Nicht ptolemäisch oder kopernikanisch, nein, „seehoferesk“ sei unser Weltbild. Bei dem 1984 geborenen Senkrechtstarter bekommt jeder sein Fett weg, auch er selbst als Dreifachvater, also „Leibeigener“, wie sich der Künstler selbst beschreibt.

Als Veganer ist der Wortakrobat „mittlerweile tierisch vegan drauf“. Aber nicht nur in puncto Ernährung geht es um scharfsinnige Selbstreflexion. Zingsheim entlarvt die Scheinheiligkeit rund um Ökowahn und Bio-Hype. Gerne verweilt er auch beim Thema Religion. Warum nicht mal mit missionarischem Eifer von Haustür zu Haustür gehen und über Gott lästern oder in die Kirche eintreten, um sie von innen zu zersetzen, wie es gerade in mancher Partei vorgelebt wird.

Zwar kommt das „klassische Mann-Frau-Gedöns“ zu kurz, beim Thema Politik teilt Zingsheim aber gerne in alle Richtungen aus und bedauert das Scheitern von Jamaika, denn „da wäre beruflich noch viel mehr rauszuholen gewesen“. Sein musikalisches Talent zeigte der charmante Lockenkopf am Flügel. So ließ er die 90er in einem Medley gesanglich Revue passieren und resümiert: „Wir hatten Pech, aber bei den Liedern ging es eh nicht um die Texte“. Sein Programm ist in jedem Punkt anspruchsvoll: Mit jedem Satz zwingt er seine Zuhörer zum Mitdenken, bringt bunte Farbe in die graue Zellen – „Kopfkino“ halt.

Den Spiegel vorgehalten

Martin Zingsheim hielt seinem Publikum den Spiegel vor. Sicherlich hat sich der ein oder andere wiedererkannt und trotzdem gelacht, denn Freaks sind nicht immer nur die anderen, eine Erkenntnis, mit der der Musiker, Chansonnier, Satiriker und Kabarettist die Zuschauer fast zwei Stunden unterhielt und sich mit drei Zugaben verabschiedete. „Hervorragend, einmalig, tolle Leistung“, waren sich Anette Senn-Schmottlach, Hans-Peter Gersbach und Martina Waibel mit vielen weiteren Gästen einig, als sie den Kabarettabend zusammenfassten.