Seckenheim

Seckenheim/Rheinau Kreuzweg am Rangierbahnhof von Unbekannten schwer beschädigt / Dossenwald-Verein erstattet Anzeige

Seckenheim: Jesus-Figur zertrümmert, religiöse Bilder durchlöchert

Donnerstag, gegen 10 Uhr. Gerade hat es aufgehört zu regnen. Das Gelände nahe dem Seckenheimer Rangierbahnhof ist nass, ein beißender Wind weht. Noch immer hängt über dem Dossenwald eine dunkle Wolkendecke. Düstere Stimmung. Die passt zu dem, was Rolf Dieter zu offenbaren hat: In Plastiktüten zeigt er die Trümmer einer Jesus-Figur und ein unzählige Male durchbohrtes Bild mit einem religiösen Motiv. Nur einige der Zeugnisse des Vandalismus, dessen Opfer der von Ehrenamtlichen angelegte Kreuzweg Seckenheim/Rheinau geworden ist.

Geschehen ist das, wie so oft in derartigen Fällen, wohl am Wochenende. „Vergangene Woche war ich hier, da war noch alles in Ordnung“, berichtet Rolf Dieter. Auf die Schäden erstmals aufmerksam wird er am Montagnachmittag. „Ich bin hier vorbeigekommen, als ich gesehen habe, dass die erste Station beschädigt ist.“ An der dortigen Skulptur ist die Dornenkrone abgerissen, sie liegt auf dem Boden. Dieter platziert sie wieder dorthin, wohin sie gehört, und geht weiter seines Weges. „Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass die anderen Stationen ebenfalls betroffen sein könnten und daher nicht weiter hoch gelaufen.“

Einen Tag darauf ist Rolf Dieters Frau mit einer Freundin vor Ort, um ihr den Kreuzweg zu zeigen. Als die beiden Frauen ihn hochlaufen, bietet sich ihnen Schritt für Schritt ein bemitleidenswertes Bild: Eine Station nach der anderen ist schwer beschädigt oder gar zerstört. Manche von ihnen wohl unwiederbringlich.

Besonders getroffen hat es das Bild „Jesus mit den weinenden Frauen“. Eine sehr anrührende, eindrückliche Darstellung, wohl nicht zufällig von einer Künstlerin aus dem traditionell religiös geprägten Polen gestaltet. Teile des Kunstwerks sind abgebrochen, der verbliebene Torso ist mit Löchern gespickt: „Der Täter muss mit einem spitzen Gegenstand, einer Art kleine Spitzhacke vorgegangen sein“, glaubt Dieter. Zumindest von diesem Bild kann der größte Teil geborgen werden, wenn auch stark beschädigt.

Ganz anders an einer der folgenden Stationen mit dem Thema „Jesus wird ans Kreuz geschlagen“. Dessen künstlerische Umsetzung zeigt eine in einen Baumstumpf eingelassene Christus-Figur. Ursprünglich stammt sie aus Bronze. „Doch die wurde gleich nach der Einweihung 2016 offensichtlich von einem Metallsammler gestohlen“, berichtet Dieter. Um nicht mit wertvollem Material noch einmal einen Anreiz für einen Diebstahl zu bieten, ersetzt Dieter sie nach dem Verlust durch eine Figur aus Messing. Diese wiederum wird nun zerschlagen. Einige Teile dieser Trümmer findet Dieters Frau und kann sie bergen.

Eine traurige Geschichte verbindet sich mit den Schäden an der Station „Jesus stirbt am Kreuz“. Die künstlerische Umsetzung dieser Thematik erfolgt mit einem Baumstumpf, der den Berg Golgatha darstellt, darauf drei kleine Kreuze. Eines von ihnen stammt von der Bewohnerin eines Pflegeheims. „Kurz vor ihrem Tod äußerte eine alte Frau die Bitte, ein kleines Kreuz von ihr hier auf diesem imaginären Berge Golgatha zu platzieren“, berichtet Dieter sichtlich persönlich bewegt. Dieses Kreuz wie die beiden anderen sind nun spurlos verschwunden.

Auffallend ist, dass nicht nur die künstlerischen Objekte beschädigt oder zerstört sind. Auch den Hinweisschildern mit den ausführlichen Texten, die das biblische Ereignis an der jeweiligen Station des Kreuzweges erläutern, rückt der Täter zu Leibe – und zwar mit besonderer Kraft, offenbar mit besonderer Wut. Was das zu bedeuten hat? „Keine Ahnung“, zeigt Dieter sich ratlos.

Der materielle Schaden ist selbst in der Summe gering. Der emotionale dagegen erheblich. Rolf Dieter verbirgt seine Enttäuschung nicht: „In das Zustandekommen des Projektes wurde viel Engagement und Mühe investiert“, bekennt er: „Und auch die Blumen um die Stationen herum werden so liebevoll gepflegt.“

So ist das Projekt längst ein Aushängeschild des Mannheimer Südens. „Vor kurzem rief mich ein Besucher aus Bochum an, der eigens deswegen nach Mannheim gekommen war“, erzählt Dieter begeistert. „Außer in Hemsbach gibt es in unserer Region keinen anderen solchen Kreuzweg im Freien“, weiß er.

Bei der Anlage des Kreuzweges entscheiden sich Dieter und seine Mitstreiter daher bewusst, das Objekt nicht aus Sicherheitsgründen eher diskret zu halten, sondern es offensiv bekanntzumachen; ein Wegweiser auf der Schnellstraße führt hierher. Die Folgen sind leider entsprechend: seit Anbeginn Verschmutzung. Grafiti, Zigarettenkippen, Hundekot. Doch so schlimm wie jetzt ist es noch nie.

Die Kreuze und die Jesus-Figur können ersetzt werden. Das zerstörte Bild wird bewusst in seinem bemitleidenswerten Zustand neu aufgestellt – mit erläuterndem Schild.

Außerdem erstattet Dieter Strafanzeige wegen Sachbeschädigung. „Da wird wahrscheinlich nichts herauskommen“, macht er sich keine Illusionen: „Aber es soll aktenkundig werden, was hier geschehen ist.“

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