Seckenheim

Neckar-Bergstraße Das „MM“-Osterei reist durch die Region / Heute: Die ehemaligen Hammonds-Barracks in Seckenheim

Spiegel deutscher Geschichte

Archivartikel

Zugegeben: Diese Folge unseres Rätsels ist ein wenig schwierig. Zu sehen war ein Gebäude, das aussieht wie so viele andere Häuser in der Region. Doch mit den Hinweisen auf mehr als sieben Jahrzehnte Geschäftigkeit, aktuellen Dornröschenschlaf und Plänen für eine künftige Heimat von Familien ist dann doch zu erraten, dass es sich um die Hammonds-Barracks in Seckenheim handelt.

Zumal das Areal seit mehr als acht Jahrzehnten zum Leben des Ortes dazugehört – wenn auch unter anderem Namen und mit wechselnden Nutzungen. Darüber hinaus ist es ein Spiegel deutscher Geschichte.

Mitte der 1930er Jahre entsteht der Komplex auf einem knapp neun Hektar großen Areal als Kaserne der von Hitler gerade aufgerüsteten „Deutschen Wehrmacht“. Benannt wird sie im Zuge einer heute kaum nachvollziehbaren Verherrlichung von Schlachten nach dem Kampf bei Loretto vom Sommer 1915, einem der sinnlosen blutigen Gemetzel des Ersten Weltkrieges zwischen Deutschen und Franzosen.

Der Bezug der Kaserne durch das 110er Regiment 1937 vollzieht sich mit dem üblichen Brimborium. Um als Staffage dienen zu können, erhalten die Kinder schulfrei, Kriegerverein und SS-Reiterstaffel bilden am Eingang das Spalier für die einrückenden Soldaten. „Mit klingendem Spiel gab Major Poschet das Kommando zur ersten Flaggenhissung“, formuliert ein damaliger Zeitungsbericht: „Mit einem Treugelöbnis zum Führer klang die Feier aus.“

Aus besagtem „klingenden Spiel“ wird bereits zwei Jahre später blutiger Ernst: Im Zweiten Weltkrieg fallen zwischen 1939 und 1945 auch viele Seckenheimer an der Front. Erst am 30. März 1945 ist der Spuk zu Ende, als die Amerikaner den Ort besetzen: Just an Karfreitag – welch eine Symbolik! – ist Seckenheim befreit, auch wenn manche der Zeitgenossen dies nicht so empfinden.

Zumal die Entbehrungen nicht enden mögen: Für neues Leid sorgt nicht zuletzt die Beschlagnahme von Wohnraum durch die Amerikaner. Ihr Hauptquartier richten sie in der Loretto-Kaserne ein. Und natürlich wird diese umbenannt – nach dem Funker Robert Hammonds, der im Alter von nur 19 Jahren zu Tode kam.

Fast 80 Jahre militärische Nutzung

Die Nutzung bleibt eine militärische, auch wenn die Nutzer wechseln. In den 1960er und 1970er Jahren bezieht die NATO-Einheit „CENTAG“ Quartier, neben deutschen dienen hier auch kanadische und französische Soldaten. In den 1990er Jahren gesellt sich im Bau 970 der US-Soldatensender AFN hinzu.

Auch die Bundeswehr ist zu Gast: Seckenheim wird 1985 Sitz des Territorialkommandos Süd (TKS). Ab 1995 arbeitet hier das Kreiswehrersatzamt, für ganze Jahrgänge junger Männer eine wenig erfreuliche Adresse: 8000 von ihnen aus der Region, unter anderem aus Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis, werden hier jährlich gemustert, bis die Wehrpflicht auf Initiative des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) 2011 de facto abgeschafft wird. Zuletzt ist nur noch eine kleine Einrichtung vorhanden, die sich der Anwerbung von Freiwilligen widmet; „Karrierecenter“ lautet ihre seltsame Bezeichnung.

Im gleichen Jahr überträgt die Bundesregierung das Gelände ihrer „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“, abgekürzt BImA. Deren Zweck ist es, das Gelände zu „vermarkten“, sprich: zu verkaufen. Das Interesse in der Stadt ist groß, denn neuer Wohnraum wird gebraucht.

Für Oktober 2015 sind die ersten Abbrucharbeiten vorgesehen, als einen Monat zuvor der Ansturm von Flüchtlingen einsetzt. Nun wird die riesige Immobilie benötigt, um den Bedarf an Unterbringung zu decken. Anfang 2018 sind die Gebäude wieder leer, und der städtebauliche Prozess wird wieder aufgenommen. Im Jahr 2019, so die Planung, soll für das neue Quartier Baubeginn sein.