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Literatur Joyce Carol Oates legt beeindruckende Sammlung von Geschichten vor / Gute Figurenzeichnung trifft tragfähige Spannungselemente

Abgründige Erzählungen

Eine Schülerin wird entführt, und ihre Entführerinnen haben düstere Pläne. Ein Zwillingspaar ist ein Leben lang verfeindet, und ein Mädchen ist eifersüchtig auf seine Schwester. Aus Situationen wie diesen entwickelt Joyce Carol Oates Erzählungen voller Abgründe.

Joyce Carol Oates ist eine der anerkanntesten und produktivsten amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Rund 70 Bücher der unterschiedlichsten Genres hat die 80-Jährige bislang veröffentlicht. Am bekanntesten ist sie für ihre großen Gesellschaftsromane wie „Jene“ und „Wofür ich gelebt habe“. Aber auch Spannungs- und Gruselgeschichten hat sie veröffentlicht, zuletzt im vergangenen Jahr den Roman „Pik-Bube“.

Auch in ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Oates mit abgründigen Themen. Schon der Titel „Sieben Reisen in den Abgrund“ deutet an, dass es in den Erzählungen um die dunklen Seiten der Figuren geht. Die inhaltliche Spannbreite der sieben Geschichten ist dabei ziemlich beträchtlich. Die komplexeste der Geschichten steht gleich am Anfang. Mit fast 140 Seiten ist „Die Maisjungfer“ schon fast ein kurzer Roman für sich. Eine Elfjährige kommt eines Tages nicht von der Schule nach Hause. Sofort vermuten ihre Mutter und die Polizei, dass das Mädchen einem Sexualtäter zum Opfer gefallen sein könnte.

Nun entwickelt sich eine eigenartige Dynamik. Die alleinerziehende Mutter macht sich große Sorgen, ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein, und sieht sich verdächtigt, ihre Tochter vernachlässigt zu haben. Schon bald gerät auch ein Lehrer in Verdacht, der viele Dinge nicht erklären kann. Geschickt springt die Erzählung zwischen den Perspektiven der Mutter, des Lehrers und der eigentlich Verantwortlichen hin und her, die mit dem Mädchen ein falsch verstandenes indianisches Opferritual nachstellen wollte.

Geschickte Perspektivwechsel

Oates setzt beim Spannungsaufbau fast ausschließlich auf die Ängste und Interpretationen der Beteiligten. Nur Jude, die Anführerin der Entführer, weiß, was tatsächlich vor sich geht, und ist fasziniert von der Erfahrung, „dass man sich der absurdesten Wahrheit bemächtigen konnte und jedes Arschloch sie sofort glauben würde.“ Alle anderen sind von dem unerklärlichen Geschehen verunsichert und fürchten um ihre eigene Zukunft ebenso wie um die des entführten Mädchens.

Auch die sechs anderen Geschichten der Sammlung leben von psychologischer Spannung, die Oates in der Tradition des legendären Edgar Allan Poe aufbaut. Beispielhaft hierfür ist die kurze Geschichte „Niemand weiß, wie ich heiß“. Die neunjährige Jessica führt ein glückliches Leben, bis ihre Mutter ein zweites Mal schwanger wird. Auf einmal dreht sich alles nur noch um das Ungeborene, und als es dann auf der Welt ist, scheint sich niemand mehr für Jessica zu interessieren. Erst als sich im Ferienhaus eine geheimnisvolle graue Katze zu ihr gesellt, scheint Jessica eine Freundin gefunden zu haben, die sie versteht. Aber damit beginnt die Tragödie erst.

Auch in den fünf weiteren Geschichten der Sammlung erzählt Oates von kleinen Dramen, die den Menschen im alltäglichen Leben begegnen und in deren Zentrum etwas Unheimliches und Böses steckt. Auch die Suche nach Liebe, die so viele der Figuren umtreibt, ist häufig nicht wirklich positiv. Wer Poe mag, wird auch „Sieben Reisen in den Abgrund“ mögen.