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Meinungssache "Pro & Contra"

Abitur trotz Corona - ja oder nein?

Prüfung macht Sinn - sagt Robin Pitsch (33) aus Schwetzingen. Er ist Realschulkonrektor an der Theodor-Heuss-Schule in Hockenheim. Anderer Meinung dagegen ist Manuel Altenkirch (40) aus Mannheim. Der M. A. Mediendidaktiker an der Theodor-Heuss-Schule in Hockenheim sieht es nur als bloßen Abprüfen.

Schwetzingen/Hockenheim.

Pro Prüfung

Ein Gastbeitrag von Robin Pitsch

Aktuell befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Aus dieser Sicht ist ein Verschieben oder Ausfall der Prüfung durchaus vertretbar – Gesundheit geht immer vor! Trotzdem sind Prüfungen in unserem Bildungs- und Gesellschaftssystem durchweg akzeptiert und verankert. Am Ende jedes Bildungsabschnitts – ob Studium oder Ausbildung – steht ein Nachweis, dass man sich relevantes Wissen und Fertigkeiten angeeignet hat: eine Prüfung, egal ob in Form einer Abschlussarbeit, eines Meisterstücks oder eines wissenschaftlichen Studienabschlusses. Bei Prüfungen geht es ja darum zu zeigen, dass man sich mit der fachlichen Materie mit den angeeigneten überfachlichen Kompetenzen umfassend, tiefgründig und oft interdisziplinär auseinandersetzen kann.

Wir erleben auch in der Schule – ich selbst bin im Realschulbereich tätig – gerade wenn es um die Berufsorientierung und bei den Schülern in die Bewerbungsphase geht, dass Arbeitgeber stets auf die Zeugnisse und die Prüfungen schauen. Und wir kriegen von ehemaligen Schülern auch berichtet, dass diese dann bei Bewerbungsgesprächen Rechenschaft ablegen müssen, wieso in dem einen Fach nur eine Vier oder gar eine Fünf steht oder aber, dass eine Eins im Fach Bildende Kunst den Ausschlag geben konnte.

Natürlich sind Noten eine reichlich verkürzte Darstellung der eigenen Leistung, doch sie sagen auch etwas über das Überfachliche und über die personalen Kompetenzen aus, die ja explizit gar nicht bewertet werden können beziehungsweise dürfen.

Prüfungen sind eben nicht nur der Nachweis einer Leistungserbringung, sondern – und das kann man nun kritisieren oder auch nicht – sie dienen auch der Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Absolventen, zumindest innerhalb eines Bundeslandes, was ja angesichts der großen Anzahl jährlicher Absolventen, die auf den Arbeitsmarkt oder an die Universitäten strömen, durchaus sinnvoll erscheint.

Das Problem, vor dem die Universitäten und Arbeitgeber nun angesichts der Regelung durch die Corona-Krise stehen werden, ist die jahrgangsübergreifende Vergleichbarkeit. Von daher ist es sinnvoll, dass die Kultusminister der Bundesländer zumindest beim Abitur die gleichen Eckpunkte vereinbart haben und die Abiturprüfungen durchführen.

Contra Prüfung

Ein Gastbeitrag von Manuel Altenkirch

Am Dienstag ging es wie ein Lauffeuer durch alle Medien: Das Land Schleswig-Holstein plante den Verzicht auf die zentrale Abschlussprüfung an seinen Gymnasien.

Der Aufschrei war groß. Zahlreiche baldige Abiturienten und Abiturientinnen meldeten sich zu Wort und klagten über dieses Vorgehen. Ihnen würde die Chance geraubt, ihre Abiturprüfung – und damit das Zeugnis ihrer Reife – ordentlich abzulegen.

Dieser Annahme liegt eine Vorstellung zugrunde, die auf einer über Jahrzehnte gewachsenen Vorstellung von Prüfungen beruht. Prüfungen bestehen in diesem Sinne im Wesentlichen aus der Anwendung eines in der direkten Zeit vor der Prüfung erworbenen Wissens, das erworben wird, damit es dann in der Prüfung zur Anwendung kommen kann. Es ist damit eine Art Lernen für den Test – im Umkehrschluss dann aber auch „teaching for the test“ im eigentlichen Sinne. Die Inhalte sind dabei klar vorgegeben und können durch die Prüflinge nur bedingt beeinflusst werden.

Dabei zeigt sich, dass diese Form des Abprüfens erworbenen Wissens in Zeiten einer sich stetig wandelnden und sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft fast schon anachronistisch wirkt und nicht das widerspiegelt, was anschließend von den Absolventinnen und Absolventen gefordert wird.

Eine stete Neuorientierung an sich wandelnde Verhältnisse, eine flexible Form des Erwerbens von Wissen und Fähigkeiten, die Orientierung an kooperativen und kollaborativen Formen des Zusammenwirkens – all das wird in Prüfungen nicht gefordert und nicht gefördert. Vielmehr werden Formen des Unterrichtens verhindert, die ein „zeitgemäßes Lernen“, also die Berücksichtigung von agiler Didaktik, angemessener Digitalisierung des Lernens oder auch der projektbezogenen Arbeit an selbstgewählten Themen ermöglicht, da diese nicht zielführend im Hinblick auf die Prüfung scheinen.

Individualisiertes und zeitgemäßes Lernen sieht so sicherlich nicht aus und führt nicht zu dem, was eigentlich am Ende einer schulischen Karriere stehen sollte: Die Befähigung junger Menschen, ein für sie sinnstiftendes und mündiges Leben zu führen.