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Literatur Marc Elsberg legt Thriller „Gier“ vor / Im Zentrum steht die Frage, ob die Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch gerettet werden kann

Action und Kapitalismuskritik

Archivartikel

Die Welt leidet unter einer Wirtschaftskrise. Wieder einmal. Als Marc Elsbergs neuer Roman „Gier“ einsetzt, ist die Krise so dramatisch geworden, dass eine internationale Konferenz in Berlin Lösungen finden und beschließen soll. Die Stadt ist praktisch lahmgelegt von Tausenden Demonstranten, denen einige ebenso viele offizielle und inoffizielle Sicherheitskräfte gegenüberstehen.

Mitten in diesem gefährlichen Durcheinander gerät der junge Krankenpfleger Jan unversehens in ein aufregendes Abenteuer. Auf dem Heimweg von der Arbeit kommt er an einer Limousine vorbei, die kurz zuvor verunglückt ist. Der Fahrer und einer der Passagiere sind tot. Der zweite Passagier liegt im Sterben, kann Jan aber noch ein paar kryptische Hinweise zuflüstern. Bevor Jan sich weiter um die Unfallopfer kümmern kann, treffen einige merkwürdige Männer am Unfallort ein und geben Jan zu verstehen, dass er unerwünscht ist.

Nothelfer ergreift die Flucht

Zu seiner eigenen Sicherheit verschwindet Jan vom Unfallort und macht sich auf, den Hinweisen des sterbenden Mannes zu folgen. In einer Bar trifft er den Mann, dessen Namen ihm im Autowrack genannt worden war.

Der entpuppt sich als Berufsspieler und Rechengenie, der gerade dabei ist, in der Bar ein großes Spiel um Münzwürfe aufzuziehen. Eine Weile geht alles gut, dann tauchen die Männer von der Unfallstelle plötzlich in der Bar auf. In letzter Sekunde können Jan und der Spieler Fitz entkommen.

Als Fitz erfährt, was Jan zu ihm geführt hat, wird die Bedeutung des Autounfalls klar. Einer der Toten war ein Wirtschaftsnobelpreisträger, der andere sein engster Mitarbeiter. Auf der Konferenz wollte der renommierte Wissenschaftler ein Konzept vorstellen, das die Weltwirtschaft nachhaltig krisensicher machen würde.

Fitz ist ein alter Freund des Mitarbeiters und hat keine Bedenken, sich Zutritt zu dessen Hotelzimmer zu verschaffen, wo die beiden Hinweise auf ein Landwirtschafts-Konzept finden. Die beiden vermuten, dass sie hier einen Teil des Konzepts für die Konferenz gefunden haben, das seit dem Autounfall spurlos verschwunden ist.

Von nun an ändert sich der Schwerpunkt des Romans ganz erheblich. Auch wenn Jan und Fitz weiterhin auf der Flucht vor den dubiosen Männern und dann auch der Polizei sind, so konzentrieren sie sich hauptsächlich darauf, die Skizzen aus dem Hotelzimmer zu entziffern und mit einigen Hausbesetzern zu diskutieren, bei denen sie Unterschlupf gefunden haben.

Konflikt eskaliert öffentlich

Gab es eben noch Verfolgungsjagden und halsbrecherische Aktionen, so scheint auf einmal die Zeit stehengeblieben zu sein. Jetzt können über mehrere Seiten Konzepte aus der Wirtschaftsmathematik diskutiert und mit Grafiken illustriert werden. Und das Konzept der beiden Forscher birgt viel Sprengkraft: „Wenn die beiden recht haben, erschüttert das unsere herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftskonzepte in ihren Grundfesten“, analysiert Fitz.

Parallel dazu begleitet „Gier“ eine enge Mitarbeiterin eines der schwerreichen Finanzmanager, die an der Konferenz teilnehmen und auf gewaltige Profite durch die Rettung der Weltwirtschaft hoffen. Durch den Kontakt mit Jan und Fitz, die die Unterlagen aus dem Hotel mitbringen, ist auch sie fasziniert von den Bruchstücken des Konzepts und wird immer skeptischer dem etablierten Wirtschaftssystem gegenüber. Das Ganze kulminiert mitten in der Konferenz. Dabei kommen einige düstere Zusammenhänge ans Licht, aber vieles bleibt ungeklärt. So erweckt der Roman nicht den Eindruck, die komplexen Probleme, die zum Tod des Nobelpreisträgers geführt haben, könnten so einfach zu lösen sein.

Spannung leidet unter Erklärungen

Im Interview mit dem Magazin „buchreport“ betonte Elsberg, der mit Technologie-Thrillern wie „Zero“ und „Helix“ große Erfolge feierte, dass es ihm in „Gier“ nicht um einen Spannungsroman ging, sondern um „ein Szenario, in dem sich die Menschen in ihrer derzeitigen Verfassung wiederfinden. Und die ist momentan eher auf Krise eingestellt denn auf Optimismus. Ich habe mich an dem bedient, was wir heute in unserer Gesellschaft beobachten können und es eskalieren lassen.“

Allerdings lässt sich Elsberg bisweilen zu sehr von diesem Ansatz hinreißen und scheint über dem Konzept einer wirtschaftspolitischen Alternative zu vergessen, dass er die Form eines Spannungsromans gewählt hat.