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Roman Alain Mabanckou porträtiert mit „Petit Piment“ seine Heimat als ein Land, in dem es keine Freiheit geben kann

Alltag im Kongo als Gefängnis

Archivartikel

Der derzeit international maßgeblichste Schriftsteller aus Afrika heißt Alain Mabanckou, wohnt inzwischen in Kalifornien und lehrt an der Universität Los Angeles französischsprachige Literaturen. Geboren und aufgewachsen in der Republik Kongo, studierte und arbeitete Mabanckou lange als Jurist in Paris, bis ihm mit Romanen wie „Black Bazar“ oder „Stachelschwein Memoiren“ der literarische Durchbruch gelang.

23 Jahre war der kongolesische Schriftsteller Mabanckou nicht mehr in seiner Heimat gewesen. Aber als ihn das Institut Français im Jahr 2012 zu Lesungen nach Brazzaville einlud, besuchte Mabanckou auch die Stadt seiner Kindheit und Jugend: Pointe-Noire. Es entstand daraus der Erinnerungsband „Die Lichter von Pointe-Noire“, und einige Zeit später folgte der ebenfalls dort verortete Roman „Petit Piment“, der nun in deutschsprachiger Übersetzung vorliegt.

Ähnlichkeiten zu Charles Dickens

Petit Piment ist ein Junge, der von seinem Alltag in einem Waisenheim erzählt. Die naiv-kindliche Perspektive und die Härten des Alltags lassen dabei an die Romane des englischen Autors Charles Dickens denken. Und seit langem gibt es wieder einmal eine weibliche Protagonistin in Mabanckous Literatur. Petit Piment wächst in einem Waisenhaus auf, das aber nach einem sozialistischen Staatsstreich so rigide geführt wird, dass Petit Piment flieht und als Straßenjunge von Kleinkriminalität lebt. Bald wird er Teil einer Bande, die sich mit den Freudenmädchen der Mama Fiat 500 anfreundet. Als deren Etablissement vom neuen Bürgermeister geschlossen wird, findet sich Petit Piment erneut auf der Straße wieder, verliert seinen Halt – und damit auch das Gedächtnis.

In einer Mischung aus Porträt, Sozialstudie, autobiografischen und mythologischen Elementen gestaltet Mabanckou ein im Plauderton gehaltenes Buch, dessen Geschichte beispielhaft ist für Gesellschaften im Umbruch. Männer müssen sich als Tagelöhner, Frauen als Prostituierte und Kinder als Handlanger für alle möglichen Gelegenheiten durchschlagen. Korruption prägt den Alltag und blockiert jede Entwicklung von Demokratie.

Der Traum von Freiheit scheitert an einer politischen Doktrin, und das Waisenhaus ist eine Metapher für den Staat Kongo-Brazzaville unter dem sozialistischen Regime. Am Ende des Romans findet sich Petit Piment in einem Gefängnis wieder, denn Freiheit kann es in keinem Land geben, das so regiert wird wie die Republik Kongo.

Übersetzt haben das Buch Holger Fock und Sabine Müller. Sie sind mit Mabanckou bestens vertraut, haben sie doch schon seine Romane „Stachelschweins Memoiren“, „Zerbrochenes Glas“ und „Morgen werde ich zwanzig“ ins Deutsche gebracht. Erneut gelingt es, den saloppen Tonfall zu treffen sowie Doppeldeutigkeiten und Anspielungen weitgehend wiederzugeben.