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Roman Bestsellerautorin Elizabeth Strout schildert in „Alles ist möglich“ die Verletzungen und Sehnsüchte der kleinen Leute im Mittleren Westen der USA

Alltag in den Weiten des Nirgendwo

Es ist tiefstes Trump-Land, in das Elizabeth Strout ihre Leser entführt. Ihre Kleinstadt Amgash im Mittleren Westen ist zwar fiktiv, aber täuschend echt der Wirklichkeit entlehnt. Zwischen Mais- und Sojabohnenfeldern in den Weiten des Nirgendwo wird geliebt, gelitten, gehasst, vor allem aber gehofft. Denn „Alles ist möglich“ heißt es schon im Titel dieses Romans. Trotz aller Demütigungen und Niederlagen, die die Menschen hier in ihrem Alltag erfahren, geben sie ihren Glauben nicht auf.

Strout, diese großartige US-amerikanische Stilistin und Bestsellerautorin, beleuchtet die kleinen und großen Dramen eindringlich, aber immer mit zurückhaltender Eleganz. Ihren gebeutelten Figuren lässt sie so ihre Würde. Kunstvoll ist schon die Struktur dieses Romans, der in neun eigenständige Kurzgeschichten unterteilt ist, mit jeweils anderen Hauptfiguren. Doch sind all diese Erzählungen und Figuren miteinander verwoben. Geschickt legt die Autorin Fährten, die erst später, in einem anderen Zusammenhang, wiederaufgenommen und weitergeführt werden. Nach und nach ergibt sich so ein Netz aus Familien-, Freundschafts- und Nachbarschaftsgeschichten, am Ende dann ein ganzer Kleinstadtkosmos.

Flucht aus der Provinz

Wer die Werke der Autorin schätzt, der wird hier eine Figur wiedererkennen, der Elizabeth Strout zuvor einen eigenen Roman gewidmet hat: Lucy Barton („Die Unmöglichkeit der Liebe“). Sie ist eine der wenigen, die der Provinz entkommen ist. Aus einer bitterarmen Familie stammend, gelang ihr der Aufstieg zur erfolgreichen Schriftstellerin. Heute lebt sie in New York. Nun kehrt sie zu einem Besuch nach Amgash zurück.

Doch die Begegnung mit ihren in der Heimat verbliebenen Geschwistern Pete und Vicky lässt alte Wunden aufbrechen. Kälte und Armut der Kindheit, Gefühle von Ausgrenzung und Neid kommen wieder hoch.

„Jedes Mal, wenn ich dich im Internet sehe, jedes Mal, wenn ich dich sehe, tust du so lieb und nett, und es kotzt mich an“, schnauzt die dicke Vicky die erfolgreiche Schwester an. Deren Besuch endet mit einer Panikattacke. Nicht immer hat die Konfrontation mit der Vergangenheit so gravierende Folgen, doch die Gespenster von damals kann niemand so ganz abschütteln.

Charley Macauley ist ein Vietnamveteran, der seine Traumata in einer Affäre mit einer Prostituierten zu vergessen sucht. Als er der Geliebten spontan eine hohe Summe Geld schenkt, reicht seine Frau die Scheidung ein. Zwei Frauen aus der Kleinstadt brachen einst aus ihren Ehen aus, den Ruch des Skandals wurden sie nie mehr los. Kathie Nicely verließ nach einer stürmischen Affäre von einem Tag auf den anderen ihre Familie und lebte von da an in einem kleinen Haus, ausgestoßen von der Welt. Die Töchter verfolgt seither das „Schreckbild der einsamen und geächteten Frau, die ihre Mutter war“.

Mary Mumford wiederum rächt sich für die fortgesetzte Untreue ihres Ehemannes, indem sie ihn im fortgeschrittenen Alter für einen deutlich jüngeren Mann verlässt. Nun lebt sie mit diesem glücklich in Italien. Beim Besuch ihrer Tochter Angelina allerdings kommen auf beiden Seiten sehr widersprüchliche Gefühle und Verletzungen hoch.

Und dann gibt es da noch das dunkle Geheimnis eines Familienvaters, der sein Leben lang seine Homosexualität zu verbergen sucht. Erst seine Altersdemenz lässt Raum für die Wahrheit.

Eine gewisse Düsternis kann man diesem Roman nicht absprechen. Aber es sind da auch immer wieder die kleinen zarten Szenen, die die Autorin so wunderbar lakonisch umsetzt. So die aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Charlie und Patty, die keiner Worte bedarf: „Nachdem etliche Augenblicke verstrichen waren, richtete Charlie erneut den Blick auf sie. Er öffnet den Mund, wie um etwas zu sagen, schüttelte aber dann den Kopf und machte den Mund wieder zu. Patty hatte das Gefühl – ohne dass sie es in Worte hätte fassen können – zu wissen, was er sagen wollte. Sie berührte kurz seinen Arm. Da saßen sie in der Sonne.“ Alles ist möglich, auch die Hoffnung auf ein besseres Leben.