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Literatur Anne Franks Romanentwurf wird mit „Liebe Kitty“ wiederentdeckt / Gespräch mit Herausgeberin Laureen Nussbaum über Holocaust-Opfer

„Als Schriftstellerin ernst nehmen“

Archivartikel

Laureen Nussbaum hat sehnsüchtig auf diesen Tag gewartet. „Dafür habe ich mich 25 Jahre eingesetzt“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und blickt an diesem Nachmittag in Berlin auf ein kleines Buch. Auf 200 Seiten liegt ein historisches Dokument vor ihr – und ein literarisches Vermächtnis. „Liebe Kitty“ ist Anne Franks schriftstellerisches Zeugnis, ein „Romanentwurf in Briefen“ jener Autorin, die mit ihrem Tagebuch aus dem Versteck in dem von Nazis besetzten Amsterdam Millionen Leser bewegt hat.

Erstmals rückt ein eigenständiger Band Anne Franks Talent in neuer Übersetzung aus dem Niederländischen in den Mittelpunkt. Das Buch erscheint in Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Nussbaum, 1927 in Frankfurt geboren, hat Jahrzehnte dafür gekämpft. Die Wissenschaftlerin, die als Jüdin mit ihrer Familie die nationalsozialistische Verfolgung in Amsterdam überlebte, hatte nach dem Krieg Annes Begabung erkannt. Die 91-Jährige, die für die Präsentation nach Berlin gekommen ist, berichtet im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur lebhaft über ihre Arbeit und die Erinnerung an die Familie Frank. „Von den beiden Frank-Mädchen habe ich Margot, Annes ältere Schwester, besser gekannt. Sie war ein Vorbild für mich. Anne war damals für mich ein kleines Kind.“

Der Vater wählte die Passagen aus

Schon bei der Lektüre des Tagebuchs sei ihr aufgefallen, dass die junge Anne das Zeug zur Schriftstellerin hatte. Nussbaum, die 1954 in die USA ging und an der Portland State University in Oregon den Fachbereich Germanistik leitete, machte sich an die Arbeit.

„Das Tagebuch, das wir kennen, ist ein Gemisch aus dem spontanen Tagebuch und Annes späterer Überarbeitung“, sagt sie. Anne Franks Vater Otto hatte nach dem Krieg im Hinterhaus in der Prinsengracht 263 die Tagebücher seiner als vermisst geglaubten Tochter entdeckt. Als klar wurde, dass sie das Konzentrationslager Bergen-Belsen nicht überlebt hatte, entschied er sich zur Publikation. Doch Otto Frank ließ ganze Passagen aus: Streit der Eltern, einige nach seiner Meinung zu persönliche Passagen. Und er vermischte Originalaufzeichnungen mit von Anne selbst überarbeiteten Textteilen.

Anne Frank hatte im Frühjahr 1944 entschlossen, das Tagebuch umzuarbeiten und in einen Briefroman zu verwandeln, wie Nussbaum sagt. Die Trennung von Tagebuch und Roman habe sie deutlich vor Augen gehabt. Ihre Briefe und Tagebücher, so hatte sie gedacht, sollten der Forschung dienen. „Natürlich bestürmen mich alle sofort wegen meines Tagebuchs“, berichtete sie ihrer imaginären Freundin Kitty.

Doch sie fügte hinzu: „Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde. Allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman.“ An anderer Stelle äußerte sie den Wunsch, „eine berühmte Schriftstellerin“ zu werden. Nachdem Otto Frank 1980 gestorben war, kam Nussbaum dem Rätsel auf die Spur. In der kritischen Ausgabe der Niederlande waren eine A-Fassung, das Tagebuch, eine B-Fassung, der Romanentwurf, abgedruckt. Aus beiden hatte Otto Frank die C-Fassung, das heute bekannte Tagebuch, zusammengestellt.

So seien für das Jahr 1943 keine Tagebucheinträge gefunden worden, aber Skizzen für den Roman. „Das sind kleine Vignetten, bestimmte Szenen über den Tagesablauf.“ Die Ode an den Füllfederhalter oder Gespräche der Erwachsenen im Untergrund. „Keine kindlichen Gefühlsausbrüche, sondern eine Erzählung, wie es war.“ Bei solchen Passagen wurde Nussbaum klar: „Das ist das Buch, das Anne veröffentlichen wollte.“ Die Neuveröffentlichung ist auch ein Akt der Wiedergutmachung. „Es ist wichtig, dass wir Anne Frank als Schriftstellerin ernst nehmen. Der Briefroman zeigt, was ein junger Mensch alles kann.“