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Geschichte Historikerin Claudia Weber untersucht den Hitler-Stalin-Pakt, der 1939 eine Woche vor dem deutschen Überfall auf Polen unterzeichnet wurde

Auftakt zum Zweiten Weltkrieg

Archivartikel

Es war der Pakt der Diktaturen. Als vor 80 Jahren Nazi-Deutschland und die Sowjetunion den Hitler-Stalin-Pakt schlossen, war das mehr als ein politisches Zweckbündnis zweier verfeindeter Ideologien. Kaltes Machtkalkül, Skrupellosigkeit und Expansionswille: Der Nichtangriffspakt der beiden totalitären Regime ist für die Historikerin Claudia Weber weit mehr als nur ein Vorspiel zum „eigentlichen Krieg“, der in vielen Geschichtsdarstellungen erst mit dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion 1941 beginne.

In ihrem lesenswerten und geradlinigen neuen Buch „Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939-1941“ zieht sie die Intentionen der ungewöhnlichen Partner nach.

Weber zeigt in ihrer Studie nicht nur den politischen Willen zu diesem Zweckbündnis, sondern auch die mörderischen Konsequenzen und Folgen für die Nachkriegsordnung. Zudem räumt sie mit der These auf, die deutsche Wehrmacht sei mit ihrem Einmarsch in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 einer Offensive der Roten Armee zuvorgekommen.

Blanker Machtwille

„Nach wie vor wird die historische Bedeutung, die der Hitler-Stalin-Pakt für die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs besitzt, unterschätzt“, schreibt Weber. Es seien die totalitären Ähnlichkeiten und der imperiale Machtwille gewesen, die das Bündnis ermöglichten. Die ideologische Feindschaft sei zunächst einmal in den Hintergrund gerückt. „Seine einzigartige historische Bedeutung und Wirkungsmacht bestand darin, dass die beiden großen und in unversöhnlicher Feindschaft verbundenen Diktaturen mit diesem Vertrag den Zweiten Weltkrieg in Europa entfesselten.“

Adolf Hitler ermöglichte das Bündnis den Angriff auf Polen. Er schützte die Wehrmacht vor einem Zweifrontenkrieg und ermöglichte die Expansion nach Westeuropa unter nationalsozialistischer Vorherrschaft. Für Josef Stalin bedeutete der Pakt eine enorme Machtsteigerung. „Er beendete die gefährliche außenpolitische Isolation und reduzierte die Kriegsgefahr.“ Mit dem Vertrag sei Stalin an den Tisch der europäischen Großmächte zurückgekehrt. Das geheime Zusatzprotokoll habe ihm zudem Territorien verschafft, die ihm der Westen nie hätte offerieren können. Eine Expansion, die auch nach Kriegsende bestand hatte. „In den Monaten des Hitler-Stalin-Paktes besetzten die Sowjetunion und das ,Dritte Reich’ den europäischen Kontinent und teilten ihn untereinander auf.“

„Europas Machtspiel um Verträge, Achsen und Koalitionen, an dem im Laufe der 1930er Jahre nahezu alle Staaten von den alten Großmächten über die jungen Nationen bis hin zu den totalitären Regimen des Kontinents beteiligt waren, endete am 23. August 1939“, schreibt die Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Der Vertrag wurde am 24. August 1939 mit Datum des 23. August signiert.

Nach dem Einmarsch erst der deutschen Truppen und dann der Roten Armee in Polen setzten die beiden Mächte ihre in geheimen Abkommen zugrunde gelegten Interessen rigoros durch. Zwangsdeportationen, Umsiedlungen und Bevölkerungsaustausch seien zentrale Instrumente der Besatzungspolitik beider Regime gewesen. „Hitler und Stalin hatten Polen vernichtet.“ Hunderttausende Menschen wurden von Deutschen und Sowjets deportiert, Zehntausende erschossen. Und die Täter hatten eins gemein: „Sie teilten eine Bereitschaft zur Gewalt und zum Terror, die während der Vertragsumsiedlungen und der folgenden Flüchtlingskrise zutage trat und die ideologische Feindschaft in den Hintergrund rückte.“

Sowjetunion wurde zum Imperium

Dann traten aber die Konflikte zwischen den beiden Vertragspartnern deutlicher zu Tage. Im Juni 1941 marschierte die Wehrmacht in der Sowjetunion ein. Für Weber ist klar: „Die Entscheidung für den „ideologischen Endkampf“ gegen den Bolschewismus stand nie in Frage.“ Der These eines deutschen Präventivschlages wegen eines bevorstehenden Angriffs der Roten Armee erteilt die Historikerin eine Absage. „Stalin kannte die Kriegspläne Hitlers, die ihn nicht überraschten, aber eine besondere Dringlichkeit signalisierten.“ Die Sowjetunion habe militärische Vorbereitungen getroffen, auch wenn das Hauptziel nach wie vor ein Hinauszögern des deutschen Angriffs war. Stalin habe nie ernsthaft die Idee eines Angriffs verfolgt. „Der Hitler-Stalin-Pakt hatte den Grundstein für das sowjetische Imperium nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt, so war es nicht verwunderlich, dass Stalin dessen Ende bedauerte.“