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Weinheim Besuch bei Ellen Müller und Rainer Stadler vom „Quittenprojekt Bergstraße“ / 800 Bäume mit 60 Sorten

Betörender Duft in einer harter Schale

Archivartikel

„Wir können uns über das schöne Wetter nicht freuen“, sagt Rainer Stadler. Der Quittenspezialist blickt in den wolkenlosen Himmel. „Zwanzig Grad im Februar könnte nach dem Dürresommer im letzten Jahr die nächste Katastrophe bedeuten.“ Wenn die Knospen auf seiner vier Hektar großen Quittenplantage in und um Weinheim frühzeitig austreiben, wäre ein harter Frost ihr Untergang.

Seit zehn Jahren dreht sich bei Rainer Stadler alles um die goldene Frucht, die bei ihrer Ernte im Oktober zum Anbeißen aussieht. Doch gerade das sollte man vermeiden, solange sie sich in rohem Zustand befindet. Alles begann 2009, als bei dem ehemaligen Industriemeister die Krankenschwester Ellen Müller als Untermieterin einzog. Gemeinsam entdeckten sie ihre Liebe zu einer Frucht, die sich mit ihrem Aroma-Cuvee aus Erdbeere, Apfel, Pfirsich und Ananas mit keiner anderen vergleichen lässt. Die Lektüre der „Quittenbibel“ von Monika Schirmer war schließlich der Auslöser für ihr Quittenprojekt, das sie eher als Mission sahen, als sie akribisch in sämtlichen deutschen Baumschulen nach seltenen, vergessenen Quittensorten fahndeten.

Wir sitzen im Hof des landwirtschaftlichen Anwesens, das schon seit mehreren Generationen im Besitz der Stadlers ist. Ellen Müller schenkt von der fruchtig-herben Quittenschorle aus. Wer jedoch das Prickeln lieber mit Alkohol mag, kann Quitten-Secco probieren, der außerhalb versektet wird. So gemütlich geht es bei den beiden Quittenbauern selten zu. Arbeit gibt es praktisch rund um die Uhr.

Auf Genussmesse vertreten

Ein Baumbestand, der in diesem Jahr auf 800 Stück mit 60 Sorten ansteigen soll, muss gehegt, bearbeitet und geerntet werden. Allein von der Sorte Leskovac, einer schnell wachsenden Riesenquitte, wurden vor vier Jahren 25 Bäume gesetzt. Alle Arbeiten erledigen die beiden Geschäftspartner alleine, denn Angestellte oder Erntehelfer lässt ihre Finanzplanung bisher nicht zu.

Mittlerweile haben ihre Quittenkreationen, die über Marmeladen hinaus auch Quittenessig-Balsam, Sirup und Senf beinhalten, sogar Deutschlands Sterne-Küchen erreicht. Ihre Mitgliedschaft im Genussnetz der „Jeunes Restaurateurs“ (internationale Vereinigung junger Gourmet-Köche) hat es möglich gemacht. Rainer Stadler erzählt, dass sie gerade von der Genussnetz-Tagung in Wirsberg zurück gekommen sind, wo sie kulinarisch von Alexander Herrmann und Tobias Bätz verwöhnt wurden. Letzterer feierte an diesem Tag seinen zweiten Stern.

Am 19. März präsentiert sich das Sulzbacher Quittenprojekt auf der Genussmesse „Internorga“ in Hamburg. Ihr mit Liebe zum Detail eingerichteter Hofladen in der Sulzbacher Hintergasse ist gut frequentiert. Die antike Obstpresse, die neben den Apothekenschränken und der alten Registrierkasse das Schmuckstück des Ladens darstellt, wird oft bestaunt.

Ihre Manufaktur verzichtet übrigens konsequent auf Zusatzstoffe. Konservierungsmittel werden durch Apfel-Pektin ersetzt. Auch die Heilkraft der sonnengelben Frucht bei rheumatischen Erkrankungen und Magenverstimmungen schwören die beiden ebenfalls. Schon Hippokrates, Karl der Große und Hildegard von Bingen verwendeten die Quitte als Medizin. Zudem wird der knubbeligen Frucht eine enorme Vielfalt an Vitaminen zugesprochen.

Wenn Ellen Müller mit dem Trecker die Plantage abfährt, fallen ihr schon mal neue Quitten-Kreationen ein. Rainer Stadler ist mehr für Marketing, Etiketten und die Website zuständig. Ihr obliegen die Rezepte und deren Ausführung. „Als nächstes schwebt mir ein fruchtwürziges Chutney vor“, sagt sie. Fragt man die beiden Idealisten, ob sie sich, wie einst die Babylonier vor 6000 Jahren, dazu berufen fühlen, die zart duftende Frucht zu kultivieren, antwortet Rainer Stadler lachend: „Auf jeden Fall muss man das richtige Maß an Verrücktheit mitbringen, damit man sich nicht an diesem Früchtchen mit der steinharten Schale und dem berauschenden Duft die Zähne ausbeißt.“ rav