Seite 1 - MM

Weinheim Der Fotograf Wolfgang Groeger-Meier hat ein Buch über die B 3 veröffentlicht

Blick in die Seele der „deutschen Traumstraße“

Archivartikel

Ampeln, Staus, Unfälle – wer in Weinheim B3 hört, der denkt vor allem an eines: viel Verkehr. Doch wie traumhaft romantisch die Bundesstraße 3 stellenweise ist, zeigt der Fotograf Wolfgang Groeger-Meier in seinem Buch „Lockruf des Südens“, das nun im Corso-Verlag erschienen ist. Mit einem Oldtimer, seinem mintgrünen BMW 2002, Baujahr 1975, und Freunden, die als Autoren Texte beigesteuert haben, hat Groeger-Meier die B 3 von Norden nach Süden bereist und sie dabei mit wunderschönen Fotos in Szene gesetzt.

„Gleich hinter Buxtehude fängt die Sehnsucht an“, schreibt er im Vorwort über die deutsche „Route 66“. Im Ortsteil Ovelgönne beginnt seine Fahrt – an der berüchtigten Todeskreuzung, die früher ungesichert und dementsprechend gefährlich war. Es geht durch die Wälder der Nordheide, durch ein NATO-Truppenübungsgebiet und Panzerschießplätze, durch dichte Alleen, bis zur ersten Station Müden. Weniger als 2500 Einwohner, irgendwo im Nirgendwo – dafür aber Heimat der Design-Agentur „Mats“.

Groeger-Meier und seine Mitautoren porträtieren aber nicht nur Landschaften und Menschen entlang der 800 Kilometer langen Bundesstraße, die sich von Buxtehude bis Basel einmal längs durch Deutschland zieht. Sie haben auch versucht, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der B3 zu beleuchten. „Eine im September vorgestellte Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little kam zu dem Ergebnis, dass sich die Kapazität der Bundesstraße 3 durch autonome Fahrzeuge vervielfachen ließe. An einer ausgewählten Kreuzung der B 3 zwischen Frankfurt und Bad Vilbel, direkt hinter einer Ampel, errechneten die Experten, dass derzeit bei einer Grünphase 43 Fahrzeuge die Ampel passierten. Bei optimierten Verkehrsregeln und Roboterautos könnten es aber mehr als 500 sein. Schöne neue Welt? Was wird dann aus all den Streckenabschnitten, die derzeit noch verzaubern?“, heißt es da.

Verwunschene Hotels, Campingwagen mit Frauen, die ihre Liebesdienste anbieten, eine Imkerin, die den Traum ihres verstorbenen Mannes weiterlebt – Geschichten und Geschichte machen die B3 in Groeger-Meiers Buch tatsächlich zu einer „deutschen Traumstraße“. Doch bei allem Schwärmen blendet Groeger-Meier auch die dunklen Kapitel nicht aus. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen beispielsweise, in dem 1945 die erst 15 Jahre alte Anne Frank starb – so wie insgesamt 52 000 Häftlinge aus ganz Europa, ist eine Station.

365 Kuchenformen

Immer wieder schafft es das Buch, neue, unbekannte Aspekte der Bundesstraße mit Wissenswertem zu verknüpfen. So steht die Architektur entlang der Straße auch in der Tradition des Bauhaus, das in diesem Jahr sein 100. Jubiläum feiert. In Alfeld an der Leine beispielsweise steht eine Schuhfabrik, die der junge Architekt Walter Gropius entworfen hat. Die großen und die kleinen Dinge, die einfachen Leute und die großen Namen wie der kuchensüchtigen Königin Marie, deren 365 Kuchenformen im Schloss Marienburg zu sehen sind.

Mit Spannung liest man sich von Norden nach Süden durch und hofft natürlich, dass Groeger-Meier auch der Bergstraße entsprechend huldigt. Ein ganzes Kapitel, geschrieben von Jörn Thomas, ist ihr gewidmet. Mediterran und südländisch beschreibt er die Gegend mit den wunderbaren Weinbergen und Weinfesten, auf denen auf der Autor herrlich entspannt versackt. Und blendet dennoch die Realität nicht aus. „Bisweilen ziemlich spröde klemmt sich die B 3 gern mal zwischen S-Bahngleise und uniforme Mischgebiete. Neubauten hier, Supermärkte da. Überhaupt: Nicht alle Ortsdurchfahren der B 3 sind schick und heimelig. Oft rücken die Häuser bedrückend nah an die Straße, nur getrennt durch den schmalen Bürgersteig. Die feineren Häuser residieren weiter oben in den Hügeln. Mit ihren Panoramafenstern kontrastieren diese heftig mit den bisweilen verlebt-muffigen Ortskernen“, heißt es da.

Gerade das macht – neben den hervorragenden Bildern – den Charme des Buches aus. Man merkt: Groeger-Meier und sein siebenköpfiges Autoren-Team, sie haben die Bundesstraße 3 tatsächlich bereist. Ihren Charme und ihre Schwächen genau beobachtet, verbunden mit den teils persönlichen Geschichten ist ein Bilder- und Lesebuch entstanden, dem man gerne verzeiht, dass Weinheim mit seinen Fachwerkhäusern und engen Gassen nur in einem einzigen Satz als „sehenswert“ beschrieben wird.