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Unterhaltung Musikjournalist Ernst Hofacker veröffentlicht sein Romandebüt „Flint oder der wundersame Gesang des Mellotron“

Das leise Echo von Woodstock

Archivartikel

Deep Purple und Led Zeppelin, die Rolling Stones und Pink Floyd: Flint hört die Alben seiner musikalischen Heroen nicht nur, er seziert sie geradezu. Wenn er auch längst nicht alles versteht, weiß er doch eines genau: Er will bald in den erlauchten Kreis der Rockmusiker aufsteigen.

Der Münsteraner Musikjournalist Ernst Hofacker (62) stellt nach etlichen erfolgreichen Sachbüchern zur Popkultur nun auch sein literarisches Talent unter Beweis. In seinem Roman-Erstling „Flint oder der wundersame Gesang des Mellotron“ erzählt er vor dem zeitlichen Hintergrund der 1970er Jahre von einem Jugendlichen, dessen Heranwachsen und Selbstfindung ebenso wie sein späteres Erwachsenenleben vor allem von der Liebe zur Musik befeuert werden.

Aufwachsen in der Provinz

Viel recherchieren musste der Autor wohl kaum. Er hat einen Namen als Branchenkenner und lässt Beobachtungen oder Erlebnisse vor und hinter den Kulissen der Musikszene in die (möglicherweise autobiografisch gefärbte) Fiktion einfließen. Er schöpft dabei aus dem Vollen.

Drei Tage im August, die die Welt veränderten? Eher nicht. Das viel beschworene, heilsbringende Zeitalter des Wassermanns setzte nicht ein. Dennoch: Mag von der Aufbruchsstimmung in Woodstock schließlich nicht allzu viel in der Gesellschaft angekommen sein, hallt der Geist von 1969 dennoch leise nach, sogar in der westdeutschen Provinz. Das spürt auch Flint mit seinen 16, 17 Jahren nur zu genau, greifen kann er diesen Geist nicht. Ohne es stichhaltig begründen zu können, ist er allerdings überzeugt, dass die Revolution nur eine Frage der Zeit ist.

Flint gehört zu jener späten Babyboomer-Generation, die in einer Phase zwischen zwei Gegenkulturen aufwächst, zwischen den friedensbeseelten Blumenkindern und anarchischen Punkrockern. Für Woodstock ist er zu jung gewesen und für die Ramones oder die Sex Pistols zu alt. Die damals in den deutschen Charts tonangebenden Schlager-Hits einer Vicky Leandros oder eines Bernd Clüver stehen für ihn außerhalb jeder Diskussion.

Es ist vielmehr das Repertoire der Progressive-Rock-Gründerzeit, das den Protagonisten über Jahrzehnte bis in die Gegenwart begleitet, als er schon über 50 und tatsächlich Berufsmusiker geworden ist. Für ihn ist der Prog wie für viele der Woodstock-Nachgeborenen bis heute identitätsstiftend geblieben. Die Songs jener Tage haben das eigene Lebensgefühl untermauert, sind mehr Ausdruck einer inneren Haltung als flüchtige Unterhaltung, was dieser mit etlichen Songzitaten garnierte Roman klar macht.

Sinnbildhaft für den Sound der 1970er steht bei Hofacker nicht nur die Elektro-Gitarre. Er hat dazu auch ein schon im Titel erwähntes, heutzutage in Vergessenheit geratenes Tasteninstrument wieder ausgebuddelt: das Mellotron. Der analoge Großvater des digitalen Samplers arbeitet nicht mit klingenden Saiten, sondern mit Tonbandspuren. Die Beatles („Strawberry Fields Forever“, 1967), David Bowie („Space Oddity“, 1969) oder Genesis („Watchers Of The Skies“, 1972) setzten es seinerzeit gekonnt ein.

Späte Sogwirkung beim Lesen

Anfangs ist es nicht ganz leicht, den Helden der Geschichte zu mögen. Hofacker hat ihn zunächst nicht sonderlich sympathisch angelegt, das Mitleid der Leser mit ihm hält sich deshalb auch in Grenzen, als er in eine selbstverschuldete Krise gerät. Das schreckt ein wenig ab. Doch nach etwas Anlauf entwickelt sich Flint in die richtige Richtung – und dann wird dieser Musikerroman zu einer fesselnden Lektüre.

Ernst Hofacker: „Flint oder der wundersame Gesang des Mellotron“. Agenda Verlag. 300 Seiten, 19,90 Euro.