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Literatur Der lesenswerte Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger ist im Suhrkamp-Verlag erschienen

„Das Wasser steht mir bis zum Hals“

Ingeborg Bachmann sah sich als „eine kleine Kärntnerin, die einmal sehr kühn war und die Welt niederzwingen wollte“ und ihrem Vater beweisen wollte, „daß ich eine gute Tochter bin“. Aber „das Wasser steht mir bis zum Hals“, notiert sie 1966 in ihrem Brief an den deutschen Lyriker und Essayisten Hans Magnus Enzensberger.

Die 1926 geborene Bachmann starb 1973 in Rom, Enzensberger wurde am 11. November 89 Jahre alt. Ihr Briefwechsel ist jetzt in der ersten Gesamtausgabe der Werke und Briefe Bachmanns unter dem Titel „Schreib alles was wahr ist auf“ erschienen. Bachmanns empfindsames Leiden an der Welt (und den Männern) ist bekannt, ihr lyrisches Werk, eines der bedeutendsten nach 1945 im deutschsprachigen Raum („Die gestundete Zeit“, „Anrufung des großen Bären“), legt Zeugnis davon ab. Dass der „zornige junge Mann“ der deutschen Nachkriegsliteratur auch höchst empfindsam und einfühlsam sein konnte oder sich darum bemühte, ist vielleicht eher weniger bekannt und wird in diesen Briefen deutlich belegt.

In seinem kürzlich veröffentlichten Buch über „99 Überlebenskünstler“, in das zumindest vom Titel her Bachmann weniger passt, schreibt Enzensberger, er habe sie „gut gekannt“. Von Bachmanns „wichtigsten Liebesbeziehungen“ zeugten die Briefwechsel mit Paul Celan und Max Frisch, schreibt Enzensberger. Er scheint auch ein „Sensorium“ für Bachmanns Krankheitszustände gehabt zu haben, wie es im Nachwort des von Hubert Lengauer herausgegebenen und mit Stellenkommentar ergänzten Briefwechsel heißt. „ich bitte dich, nimm keine tabletten mehr“, mahnt Enzensberger 1962, und ergänzt: „wenn dich gar nichts mehr erheitert, greif in gottes namen zu dem papier und der maschine und zu den wörtern und schreib alles was wahr ist auf.“ Bachmann brauchte den Austausch mit Enzensberger: „Deine Briefe sind die einzigen, die in der Sprache geschrieben sind, die ich verstehe.“

Sie will nach Berlin

Dabei weiß zumindest Enzensberger offenbar von Anfang an um die Begrenztheit eines Briefwechsels, wenn es um die wirklichen Befindlichkeiten geht. So schreibt er zu Beginn 1959, es sei für ihn wichtig, zu wissen, „wie es um dich bestellt ist“, und ergänzt, es sei „ein unmöglicher wunsch, an dem alles briefeschreiben leidet“. Er selbst habe sich ja auch immer geärgert über Aufforderungen, er möge „wesentlich werden“. Dabei sei er sich sicher, „daß das kein mensch aushält, in einem fort wesentlich zu sein“.

Bachmann will „versuchen, ohne Pillen, ohne Betäubung durchzukommen, das muss doch gehen“, schreibt sie 1962 und kündigt an, nach Berlin zu gehen. Aber eigentlich habe sie nie etwas für Berlin übrig gehabt. „Ein Ort für Zufälle“ wird sie Berlin in ihrer Büchner-Preisrede 1964 nennen.

Es ist eine zum Teil bewegende Korrespondenz, die oft tiefe Seelenempfindungen und -erschütterungen offenbart, was beim Leser ein zwiespältiges Gefühl hervorruft und die Frage provoziert, ob wirklich alles auch in die Öffentlichkeit gehört. Anderes wiederum wirft für nachgewachsene Generationen durchaus ein erhellendes Licht auf Gesellschaft und Literaturbetrieb.

Info: „Schreib alles was wahr ist auf“. Suhrkamp, 480 Seiten, 44 Euro.