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Sachbuch Der Physiker und Autor Brian Greene sucht in seinem neuen Werk nach dem Sinn des Lebens – als ob er es für die Corona-Krise geschrieben hätte

Das Wunder eines Moments

Archivartikel

Zur Corona-Krise, so viel scheint sicher, wird es Unmengen von Büchern geben. Dramen, Schnulzen, Thriller, auch jede Menge Sachbücher. Der New Yorker Autor populärwissenschaftlicher Bestseller Brian Greene hat – freilich unbeabsichtigt – das Kunststück fertiggebracht, ein zu dieser weltumspannenden Krise passendes Buch zu schreiben, ohne zu ahnen, dass sie kommen wird. Denn die Frage nach dem Sinn des Lebens bewegt Menschen in Zeiten der Angst um die eigene Existenz, beruflich oder gar physisch, wohl schon immer weit stärker als sonst.

Und um nichts Geringeres geht es in Greenes neuem Buch „Bis zum Ende der Zeit“ (Siedler Verlag). Der Professor für Physik und Mathematik an der Columbia University erzählt die Geschichte des Universums vom Urknall bis zum Ende – soweit letzteres nach dem aktuellen Erkenntnisstand der Wissenschaft vorhersagbar ist. Klingt nach Forscher-Chinesisch? Keine Angst. Der Experte für Kosmologie und Astroteilchen hält sich über alle Kapitel hinweg an sein Versprechen: „Mithilfe von Analogien und Metaphern werde ich alle erforderlichen Gedanken ohne Fachbegriffe erläutern, wobei ich nur sehr bescheidene Kenntnisse voraussetze.“

Mit eigenen Erlebnissen gespickt

Greene erweist sich einmal mehr als ebenso souveräner wie humorvoller Meister gleich mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen. Seine Darstellung lockert er mit eigenen Erlebnissen auf. Eine wichtige Erkenntnis etwa kommt ihm in einer New York Starbucks-Filiale. Zunächst misstraut er dort einer Idee zur Zukunft des Universums. „Vielleicht war mein Earl Grey mit verdorbener Sojamilch gepanscht. Oder vielleicht verlor ich auch gerade den Verstand.“ Aber dann: „Bei genauerem Nachdenken war keines von beiden der Fall.“

Kosmische Maßstäbe

Als es um schier unermessliche Maßstäbe geht, um endlos wirkende Zeiträume und unsere Position als Menschen im Universum, bemüht Greene – augenzwinkernd – Hollywood: In Woody Allens „Der Stadtneurotiker“ (1977) gelangte der junge Held Alvy Singer zu dem Schluss, es habe keinen Sinn, Hausarbeiten zu machen, denn das Universum werde sowieso in einigen Milliarden Jahren auseinanderbrechen. Rein wissenschaftlichen scheint die Sache klar. Denn selbst eine Verzögerung des Endes von einigen Milliarden Jahren sei – wie die US-amerikanische Philosophin Susan Wolf meinte – nach „kosmischen Maßstäben“ nicht einmal besonders lang.

Greene stimmt dem zu. Letztlich sei jedwedes Leben ebenso vergänglich wie Planeten und Sterne, Sonnensysteme und Galaxien, ja sogar schwarze Löcher. „Während wir in Richtung eines kalten, öden Kosmos taumeln, müssen wir uns damit abfinden, dass es keinen großen Plan gibt. Es gibt keine letzte Antwort, die in den Tiefen des Raumes schwebt und auf ihre Entdeckung wartet.“

Wie ist das dann mit dem „Sinn des Lebens“, wenn es doch nur „einer winzigen Oase auf der kosmischen Zeitachse“ gleicht? Angesprochen auf die Tatsache, dass sein Buch zwar voller Lob für die menschliche Schaffenskraft ist, aber „nicht gerade ein Happy End“ biete, antwortete Greene: „Wir sind das Produkt objektiver Gesetze, die es uns erlauben, für einen kurzen Moment in der kosmischen Geschichte zu existieren. Das Wunder von all dem liegt in dem, was wir in diesem kurzen Moment zu erreichen vermögen.“ dpa