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Roman Mit ihrem Debüt erzählt Paula Irmschler unangestrengt und witzig über Freundinnen in Chemnitz und die Band „Superbusen“

Debüt-Roman von Paula Irmschler: Weiblicher Ton der Popliteratur

Archivartikel

Paula Irmschlers Roman „Superbusen“ ist Popliteratur und geht gleichzeitig weit darüber hinaus. Wie im Genre üblich handelt das Buch von Musik, Feiern, Reisen und einem Ich, das sich in seiner existenziellen Verlorenheit verheddert. Doch gleichzeitig passieren hier Dinge, die man so aus der Popliteratur nicht kennt – und die mitverantwortlich dafür sind, dass dieser Roman so aufregend ist.

Erstens: Die Hauptfigur ist kein dandyhafter, egozentrischer Typ, sondern eine unprätentiöse, ironische Frau. Zweitens: Es geht viel um konkrete politische Lebensverhältnisse – etwa Nazis in Chemnitz, Sexismus in der Popmusik oder das Aufwachsen bei einer alleinerziehenden Mutter in prekären Verhältnissen. Die Probleme der Figuren sind real und erschöpfen sich nicht in philosophischen Exkursen. „Wir hatten nie Lesekreise, wir haben nicht mal besonders viel gelesen“, heißt es einmal.

Die Protagonistin Gisela kommt aus Dresden und zieht zum Studieren nach Chemnitz, die am zweitschlechtesten angebundene Stadt Deutschlands, wie die Ich-Erzählerin beschreibt: „Dass nach Chemnitz kein IC oder ICE fährt, ist wichtig für die Identität der Stadt, die viel mit einem ironischen (Linke) bis ernst gemeinten (Rechte und auch Linke) Underdoggehabe zu tun hat. Es gibt einen Twitter-Account namens „Hat heute in Chemnitz ein IC oder ICE gehalten?“, und da wird jeden Tag ein „Nein.“ gepostet.“ Paula Irmschler weiß, worüber sie schreibt. Sie wurde nach Angaben des Ullstein-Verlages 1989 in Dresden geboren und zog 2010 für ihr Studium nach Chemnitz.

Irmschler zeichnet ein differenziertes Bild der Stadt. Da sind natürlich die Nazis und Gegendemonstranten, um die es nach dem großen Soli-Konzert im September 2018 (#wirsindmehr) still wird. Gisela und ihre Gruppe sind auch danach noch da. Sie demonstrieren oder diskutieren in der WG-Küche über das, was in der Gesellschaft gerade so Ungeheuerliches passiert. Da sind aber auch Freiräume und Freundschaften. „Superbusen“ erzählt von (vor allem weiblichen) Figuren, die studieren (oder nicht), Projekte machen und rumgammeln. Sie ziehen durch die Stadt, legen auf, arbeiten, kiffen, schauen in der Facebookgruppe wie sie an ihren Schaumwein kommen.

Vor allem aber gründen sie im Laufe des Romans die Band „Superbusen“, benannt nach dem „besten 80er Wort überhaupt“. Auf Tour unterfüttern die Musikerinnen ihre Spaßtexte (die zum Teil im Buch abgedruckt sind) notdürftig mit Musik und tingeln durch Deutschland. „Und wer würde nicht auf ein Konzert gehen wollen, wenn auf dem Ankündigungsplakat „Superbusen“ stünde?“, fragt die Erzählerin. „Wie sich herausstellte, eine ganze Menge.“ Irmschlers Debütroman ist kurzweilig, lakonisch geschrieben und sehr witzig. Und das, obwohl darin teils gar nicht so witzige Themen verhandelt werden: Neben Rassismus etwa Sexismus oder Essstörungen.

Die Erzählerin gibt Einsichten in das Aufwachsen in Ostdeutschland, das Leben mit einem nicht normschönen Körper oder das Gefühl am Ende von Beziehungen. Eingestreut werden weniger tiefgründige, deswegen aber nicht weniger wahre Überlegungen etwa über die unerkannte Schönheit von totgedudelten Radiohits oder den Trick, wie man mit einem geklauten Energy-Drink quasi reich werden kann. Die Autorin Margarete Stokowski hat das Leseerlebnis so beschrieben: „Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.“