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Lyrik Lars Gustafssons letzter Gedichtband ist erschienen – „Etüden für eine alte Schreibmaschine“

Der Grundton sanfter Melancholie

Archivartikel

Allein schon die Überschrift. Kann ein Lyriktitel unprätentiöser, selbstironischer sein? Und gleichzeitig nostalgischer klingen? Dabei vor Esprit nur so sprühen wie der des letzten Gedichtbandes von Lars Gustafsson? „Etüden für eine alte Schreibmaschine“: Durch kein gleich lautendes Poem gedeckt, schlägt die Überschrift bereits den Ton an, gibt sie die Stimmungslage vor, evoziert eine komplette Lebenshaltung. Nach Retro klingt das, Rückwendung, sympathischem Aus-der-Zeit-Gefallensein. Die Gedichte selbst bestätigen den Eindruck. In ihnen scheint eine vollständig analoge Welt auf.

Gustafsson starb vor drei Jahren, im April 2016, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Im schwedischen Original erschien das Buch noch zu Lebzeiten des Lyrikers und Romanautors. Ohne dass es sich als solches weihevoll inszenierte, ist es auch eine Art Vermächtnis. Den Grundton sanfter Melancholie hat Verena Reichel so sprachsensibel ins Deutsche gebracht wie die gelöste, gelassene Grundstimmung.

Gewiss, der Band enthält auch „weise“ Gedichte – versteht man darunter gerade nicht halb schon der Welt entrückte Altersweisheit. Denn Gustafsson bleibt ganz nah bei den Dingen. Seine Reflexionen entzünden sich am Gewöhnlichsten, Alltäglichsten. „Dieser Tag besteht aus lauter kleinen Ereignissen / Der Blecheimer klappert ohne Wasser // Ein Habicht fliegt vorbei, aber nicht für uns / Die Farbe des Fensterrahmens ist stärker abgeblättert // als neulich“. Tieferer Sinn klingt an, in der abblätternden Farbe etwa diskret das zentrale Motiv des Buchs – Vergänglichkeit.

Mehr vielleicht als die vermeintlich wichtigen Ereignisse, erfahren wir, zählen die unspektakulären, unbeachteten. „Kalender, / ihr treulosen Zeugen der Zeit!“ ist da zu lesen. „Wie wenig ihr erzählen könnt / von Pflaumen, die allzu lange / im Gras gelegen haben / von Krebsen, frisch herausgehoben / aus der duftenden Dillbrühe. / Von der ersten trockenen Windbö des Winters / die die Dorfstraße zu Glas schleift.“ Der Band ist durchsetzt mit elegisch angehauchten Reminiszenzen. Die Erinnerung ans „muntere Geklapper“ der Schreibmaschinen in Redaktionsstuben etwa versetzt den Dichter in Zeiten, „als man die Menschen / noch denken hörte“.

Vergänglichkeit als roter Faden ist mehr in Andeutungen präsent. Gleich im Eingangsgedicht lesen wir von „Schatten“ an einem Wintermorgen; in der Antike bezeichnete der Begriff bekanntlich die Toten. Keinesfalls sind dies Gedichte, die im Brustton der Überzeugung höhere Wahrheiten verkünden. Die Auseinandersetzung mit Zeit und Vergänglichkeit vollzieht sich vielmehr tastend, zweifelnd – fragend. Gerade auch an wichtigen Stellen platziert Gustafsson Fragen. Metaphysisch dezent klingt ein Gedicht in eine aus. „Dieses Glas ist bald leer. / Es enthielt nicht, / wie jemand erwarten könnte, / Wein oder Wasser, / sondern Zeit. / Wie kann ein Glas Zeit enthalten?“

Wie aber können Abschied nehmende und am Ende dann doch auch ziemlich traurige Gedichte derart trostreich sein – wie diese?