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Literatur Anika Decker beschreibt in „Wir von der anderen Seite“ die Geschichte einer mühsamen Genesung von einer schweren Krankheit

Der Kampf zurück in den Alltag

Archivartikel

Die Welt ist zweigeteilt: Auf der einen Seite leben die Gesunden und Sorglosen, auf der anderen die Kranken und Versehrten. Wie wenig beide Welten miteinander verbindet, merkt man meist erst, wenn man erzwungenermaßen die Seite wechselt. So ergeht es der jungen Drehbuchautorin Rahel Wald. Nach einer schweren Blutvergiftung wird sie brutal aus ihrem Alltag gerissen und findet sich unvermittelt auf der anderen Seite wieder, in der Welt der Krankenhäuser, Intensivstationen und Rehas.

Es ist für sie eine bittere Erkenntnis: „Wir müssen alle akzeptieren, dass wir jetzt auf der anderen Seite leben, wo wir auf uns aufpassen müssen, wo der Herzschlag gemessen wird und wo wir mit der Angst leben, dass wir es nicht schaffen. Auf dieser Seite stehen wir, die Versehrten, und schauen sehnsüchtig auf die andere Seite, die der Sorglosen. Nur wenige kommen von dort rüber, um uns zu besuchen, neidisch gucken wir auf alle, die nach Hause gehen dürfen.“ So ähnlich hat es Anika Decker (43) selbst erlebt.

Denn in ihrem Erstlingswerk „Wir von der anderen Seite“ verarbeitet die Drehbuchautorin und Regisseurin („Traumfrauen“, „High Society“) eigene Erfahrungen. Nachdem Decker mit ihrem Drehbuch zu dem Film „Keinohrhasen“ der ganz große Durchbruch gelang, erkrankte sie schwer. Ein Leben zwischen Beatmungsschläuchen und Betablockern – so authentisch kann darüber nur schreiben, wer all dies selbst durchlitten hat. Die Krankheit wird zur Zäsur.

Alles steht zur Disposition

Zurückgeworfen auf Menschliches, die eigene Unzulänglichkeit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit, steht plötzlich alles zur Disposition. Die dauerkriselnde Beziehung, das prekäre Leben als Drehbuchautorin, all dies erscheint der Patientin Rahel Wald nun in einem neuen Licht und muss dringend einer Revision unterzogen werden.

Ihre Leidensgeschichte beginnt eines Tages mit starken Nierenschmerzen. Doch in der Notaufnahme wird sie von einem verständnislosen Arzt als Hysterikerin und Simulantin abgetan. Diese Ignoranz kostet sie fast das Leben. Es folgt eine schwere Blutvergiftung mit anschließendem Koma und Herzschwäche. Für Monate ist die junge Frau außer Gefecht gesetzt, ist vollkommen auf ihren kranken und schwachen Körper zurückgeworfen.

Überraschend unterhaltsam

Der zermürbende Klinikalltag zwischen Pinkelpannen und Panik-Alpträumen wird haarklein beschrieben, die Autorin erspart einem hier nichts. Das klingt zunächst einmal wenig erbaulich. Und doch wird das Ganze überraschend unterhaltsam durch ein Feuerwerk witziger, knochentrockener und selbstironischer Kommentare und Reflexionen, bei denen immer wieder Deckers komödiantisches Talent durchblitzt.

Hier merkt man die geübte Drehbuchautorin, die um keine Pointe verlegen ist. So etwa als sie in einer Szene beschreibt, wie die langsam genesende Patientin, die sich in der Zwischenzeit einige Kilos angefuttert hat, erstmals wieder ihr altes, sexy Lieblingskleid aus schwarzer Seide überstreift – mit ernüchterndem Ergebnis: „Ich sehe aus wie ein sehr armseliger Bondageversuch auf einer Kleinstadtsexmesse. Fifty Shades of Speck.“

„Wir von der anderen Seite“ ist eine Mutmachergeschichte: Wir erleben nicht nur die langsame Wiederauferstehung der Protagonistin von den Toten, sondern auch ihre Emanzipation vom nichtswürdigen Partner und vom fiesen ausbeuterischen Filmboss. Eine Mischung, die gut ankommen dürfte.