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Schauspiel Ensemble des Heidelberger Theaters überzeugt mit Rechercheprojekt zur Situation türkischstämmiger Bürger

Der Traum, irgendwo zu Hause zu sein

Zum Schluss ist es ein Satz, der hängenbleibt. Jener, der die 100-minütige Aufführung „Zwischenraum (Istanbul – Heidelberg)“ im voll besetzten Theater Heidelberg über die Situation türkischstämmiger Bürger am treffendsten zusammenfasst: „Der Ort, an dem man fremd ist, ist besser als der Ort, an dem man kein Fremder sein soll.“ Gesagt hat ihn eine deutsch-türkische Mutter im Gespräch mit Zinnure Türe.

1981 in Tettnang geboren, zog Türe mit drei Jahren mit ihrer Familie zurück in die Türkei. Dort studierte Türe unter anderem Schauspiel, ehe sie nach Deutschland zurückkehrte. „Zwischenraum (Istanbul – Heidelberg)“ basiert auf ihren Interviews mit Türken, die trotz oder wegen der Entwicklungen unter Recep Tayyip Erdogan ihre Heimat verlassen haben, in diese zurückgekehrt oder dort geblieben sind.

Die Zuschauer werden mitgenommen, hinein in die Gesellschaft eines Staates, der sich in den vergangenen Jahrzehnten politisch ständig gewandelt hat: Der Demokratisierungswelle um die Jahrtausendwende folgte der entgegengesetzte Weg, spätestens nach dem Putschversuch einiger Militärs im Juli 2016. Katharina Quast, Christina Rubruck sowie die aus dem starken Trio wegen ihres ausdrucksvollen Spiels hervorstechende Hicran Demir stellen die Interviews nach. Andreas Seifert komplettiert das Quartett.

Zeuge von Gewissenskonflikten

Da ist die Geschichte jener zitierten jungen, in Deutschland geborenen Frau. In der Schule wegen der mangelnden Deutschkenntnisse ihrer Mutter oft in Verlegenheit gebracht, zieht es sie später, inzwischen selbst Mutter, aus beruflichen Gründen in die Türkei. Nun ist sie es, die mit deutschem Akzent auffällt. Als sich ihre Tochter das Knie blutig schlägt und dieses zum Verarzten entblößt, wird ihr das Zeigen des „nackten Beins“ vorgeworfen. Die Mutter und ihre Tochter, sie kommen nicht zurecht. Fühlen sich fremd in dem Land ihrer Vorfahren. Immer wieder wird das Publikum Zeuge solcher Gewissenskonflikte. Das Gesagte wird mit Übertiteln ins Türkische übersetzt. Türe zeigt eine Gesellschaft, die nirgendwo so wirklich zu Hause zu sein scheint. Dabei gelingt es, sowohl die Seite und die Motive der in Deutschland lebenden Türken als auch die der in der Türkei Gebliebenen darzustellen. Der Erfolg: Alle Entscheidungen wirken nachvollziehbar. Machen nachdenklich. Betroffen. Sprachlos, wie auch die erste Viertelstunde stumm gespielt wird. Das Bühnenbild – ein großes T – wirkt spärlich. Fast lieblos. Als aber zum Ende hin ein Teil des T’s zerstört wird, liegt die Annahme nahe, es könne sich um die Beziehung Europas zu dem Nato-Staat handeln.

Zwar gelingt es nicht vollends, die in der Ankündigung gestellte Frage zu beantworten, wie die Emigration türkischstämmiger Bürger die Welt verändere. Doch die Schicksale, sie zu hören, genügen alleine als Grund, das Stück anzuschauen.