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Literatur F. C. Delius schreibt in „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ das Tagebuch eines geschassten Journalisten

Die Angst vor Chinas Übermacht

Archivartikel

Wie fühlt sich ein selbstbewusster Journalist, wenn er zwei Jahre vor der Rente gefeuert wird? Der namenlose Held in Friedrich Christian Delius’ neuem Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ nimmt die schnöde Kündigung sportlich und beginnt im Herbst 2017, ohne Rücksicht auf Chefs oder Leser, Tagebuch zu führen.

Bei der Zeitung war er Wirtschaftsredakteur, Spitzname „Kassandra“, aber jetzt am heimischen Schreibtisch kann er endlich die Wahrheit über die Griechenlandkrise offenbaren, den Egoismus der deutschen Politik kritisieren und die Bundeskanzlerin als „maßlos Überschätzte“ vorführen.

Viele Fakten miteinbezogen

Der 1943 geborene F.C. Delius entwirft das unterhaltsam-bissige Porträt eines Freidenkers und Flaneurs, der seine Gedanken nicht länger an die Leine nehmen muss. Die Adressatin dieser pointierten, fast immer geistreichen Tagebucheintragungen ist die achtzehnjährige Nichte, die bei späterer Gelegenheit einmal nachlesen kann, wie die Europäische Union zu Beginn des 21. Jahrhunderts an ihrer eigenen Uneinigkeit zugrunde ging.

Nichts treibt den freigestellten Zeitungsmann so um wie die schier unaufhaltsame Macht der autoritären Wirtschaftsmacht China, die das ahnungslose alte Europa auf den in Windeseile erbauten Seidenstraßen gnadenlos überrollt. Die Vorstellung dieser Bedrohung wird zur Obsession, einmal spricht der Tagebuchschreiber selbst von einem „Vexierspiel“ oder „Scherz“, aber er nennt auch viele Fakten für die Dominanz aus Fernost. Damit hält Delius das unterhaltsame Lamento seiner „Kassandra“ schön in der Schwebe.

Dazwischen lässt er seinen jazzliebenden Helden mit dem Fahrrad nicht ganz unfallfrei durch Berlin fahren: „Mein soziales Netzwerk ist der Wind. Ich brauche keine Follower“, heißt es dann. Oder er zitiert Lichtenberg: „Man sollte nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat.“ Kluge Gedanken finden sich viele in diesem funkelnden Roman, und dass auch Literaten pointiert über die Wirtschaft schreiben können, hat Delius schon 1972 mit seiner Satire „Unsere Siemens-Welt“ bewiesen. Aber dieser Autor, der zur rebellischen 1968er-Generation gezählt wird, hat sich seine Unabhängigkeit im Denken stets bewahrt.

Auch sein neues Buch lässt sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Als die Ausführungen des arbeitslosen Protagonisten etwas langatmig werden, schwebt sein Jugendfreund Roon, ein Nachfahre des Preußen-Generals, aus den USA ein. Der Mediziner und Segler findet unsere Kanzlerin ganz wunderbar und möchte sich in deren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern als Internist niederlassen.

Zusammenbruch bei Spaziergang

Er kommt zum Showdown auf Rügen, der sonnenreichsten Insel Deutschlands. Der Ich-Erzähler, seine Frau und Roon brechen zu einer langen Wanderung zum Kreidefelsen auf. Oben am Königsstuhl angekommen, hat der gestresste Protagonist eine verrückte Vision. Ein Kreuzfahrtschiff voller Chinesen nähert sich dem deutschen Nationalheiligtum, weitere Schiffe aus Fernost legen an, bevor der Visionär in Ohnmacht fällt. Aber dies ist noch lange nicht das letzte Wort in diesem wunderbaren Album über die Bundesrepublik Deutschland.