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Konzert Marco Minnemann, Guthrie Govan und Bryan Beller erweisen sich im Bensheimer Musiktheater als Gute-Laune-Kombo mit Flausen im Kopf

Die „Aristocrats“ schnurrten im Rex

Archivartikel

Bensheim.Bei diesem Trio schnurrt’s musikalisch wie eine Eins: Als „Aristocrats“ sind Marco Minnemann, Guthrie Govan und Bryan Beller derzeit auf Tour. Was die Band im gut besuchten Bensheimer Musiktheater Rex an virtuosen Songs ablieferte, das versetzte die Fans in helle Freude. Vier Studioalben hat das Trio bereits seit 2011 auf den Markt geworfen, eines musikalisch anspruchsvoller als das andere.

Der gebürtige Hannoveraner Marco Minnemann ist als versierter Drummer in der Progressive-Rock-Szene ein Hans Dampf in allen Gassen. Ex-Genesis-Mann Steve Hackett, Joe Satriani, Steven Wilson, The Sea Within oder den Mute Gods lieh er schon seine wirbelnden Schlagzeugstöcke. Und früher in Deutschland den H-Blockx.

Da wundert es nicht, dass sich der 48-Jährige mit Wahlheimat Kalifornien bei „Get it like that“ an der Schießbude austoben darf, dass es Hobby-Schlagzeugern wahrscheinlich die Tränen vor Neid in die Augen treibt.

Ein Trio, das sich blind versteht

Der Brite Guthrie Govan griff auch schon für Steven Wilson in die Saiten. Asia oder das Nachfolgeprojekt GPS zeigten seine große Klasse und die Verortung im Prog-Rock-Bereich. Er lässt an diesem Abend nicht nur progressiv-spielerisch die Sau raus, sondern macht all das, was wohl in seinen weiteren musikalischen Heimathäfen zu abgedreht, zu verquer, zu verspielt ist.

Die beiden Gitarrenhexer Joe Satriani und Steve Vai sicherten sich ebenfalls die Künste von Bryan Beller am Bass. Scheinbar hatte ihn jede Rockband, die etwas auf sich hält, schon im Line-up. Dream-Theater-Frontmann James La Brie holte ihn für seine Solo-Platten, mit Zappa-Sidekick Mike Keneally arbeitet er bereits seit 1995 zusammen. Beller spielt den Bass nicht nur als Rhythmus-Hintergrundinstrument, bei ihm ist er fast schon eine zweite Gitarre.

Das Trio entpuppt sich an diesem Abend auf der Rex-Bühne als Gute-Laune-Kombo mit Flausen im Kopf, die herumalbert und sich blind versteht. Die Chemie stimmt. Sie spielen mit „ihrer“ Band das, was Spaß macht, auch wenn’s möglicherweise etwas sperrig für die Gehörgänge des „normalen“ Konzertbesuchers sein sollte.

Je drei Stücke hat jeder für die neue Platte „You Know What…?“ komponiert. Eines dabei verzwickter als das andere. Wobei dabei aber nicht unbedingt das eigene Instrument im Vordergrund stehen muss. Govan lässt seine Finger die irrsinnigsten Bewegungen auf „D-Grade Fuck Movie Jam“ vollbringen, das sich aber Beller ausdachte. Mit seinem Slide-Guitar-Sound bekommt das Instrument einen vollen Sound, der über manche unmelodische Saitenhexerei hinweghilft.

Der „Spanish Eddie“ wiederum ist wirklich dem Mastermind von Govan entsprungen. „Den Titel gibt’s auch von Laura Brannigan“, grinst er. Sind es hier die Flamenco-Einsprengsel, hat sich Minnemann bei „When we all came together“ ein paar Akkorde aus Western-Melodien geklaut. Bonanza lässt grüßen, während die Gitarre wiehert und die Band in den musikalischen Exzess reitet.

Fusion, Jazz-Einflüsse, ein paar funkige Töne, Progressive-Rock-Anleihen und ein paar augenzwinkernde Metal-Ausflüge später wird’s dann todtraurig, erzählt der britische Gitarrist. „Nicht was ihr denkt“, schiebt er gleich lachend hinterher: Der Brexit ist nicht gemeint. Sondern die englische Sperrstunde in den Pubs um 23 Uhr. „Last Orders“ heißt die Ballade, die ein kurzes Innehalten bedeutet, bevor die Aristocrats wieder die Krallen ausfahren.

„The Kentucky Meat Shower“, „Desert Tornado“ oder „Smuggler’s Corridor“ von den älteren Veröffentlichungen treiben noch einmal die Dezibelzahlen in gnadenlose Höhen. Govan darf sich als Wüstentornado willenlos austoben, während Minnemann und Beller unverhoffte Breaks und präzise Einsätze zelebrieren. Drei spielstarke, klasse gelaunte Superstars, bei denen es Govan manchmal mit der kleinteiligen Herumpfriemelei auf seinem Instrument aber etwas übertreibt – gerade wenn die hohen Gitarrentöne sowieso etwa schrill abgemischt sind.