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Vor 50 Jahren Erstflug im Jahr 1969 von Toulouse aus dauert nur eine halbe Stunde / Ein überschallschneller Jet ist seit ihrer Außerdienststellung im Auto- und Technikmuseum in Sinsheim zu sehen

Die Concorde schrumpfte die Welt

Archivartikel

Region.Wer kennt noch Peter Stuyvesant? Die ältere Generation weiß sofort Bescheid. Es ist eine Zigarettenmarke, deren imaginärer Namensgeber ein moderner, jetsettender Mann war. Nicht umsonst hieß der Slogan damals: „Der Duft der großen weiten Welt.“ Der Protagonist dieser Werbung bewegt sich gern in mondänen Gefilden, also Monaco, Rio oder New York. Und wie reist ein Mann von Welt Mitte der 1970er Jahre dorthin? Natürlich mit der Concorde. Denn das Gemeinschaftsprojekt der französischen Aerospatiale und der englischen British Aircraft Corporation ist das schnellste und modernste Transportmittel seiner Zeit. Morgens in gut drei Stunden von London oder Paris kurz nach New York zum Shoppen oder Geschäftstermin, gleich zurück und abends ist man schon wieder im eigenen Zuhause. Maximal Mach 2.23 oder mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit, das sind umgerechnet 2405 Kilometer in der Stunde, erreicht nur sie.

Kein glanzvoller Erstflug

Am Tag ihres Erstflugs im südfranzösischen Toulouse, dem 2. März 1969, geht es aber zunächst nur kurz in den Himmel. Gerade mal eine halbe Stunde dauert die zuvor zweimal wegen schlechten Wetters verschobene Premiere. Dabei erreicht der französische Prototyp der Concorde auch nur rund 3000 Meter Höhe, die Geschwindigkeit liegt bei weniger als 500 Stundenkilometer. Auch das hochbeinige Fahrwerk bleibt den ganzen Flug über ausgefahren. Die Verantwortlichen wollen keinerlei Risiko eingehen.

Die beiden Piloten, der damals noch übliche Flugingenieur sowie ein weiterer Techniker an Bord sind erleichtert, dass Start und Landung einwandfrei klappen und alle Systeme funktionieren. Nach der Landung wird die rein französische Crew von Firmenangestellten, Flughafenmitarbeitern und einer großen Zahl an Journalisten gefeiert. Vier Wochen später hebt auch der britische Concorde-Prototyp zum Erstflug ab. Die französische und die britische Regierung hatten 1962 beschlossen, gemeinsam und mit je 50 Prozent Anteil das überschallschnelle Passagierflugzeug zu entwickeln. Dass es nach den Erstflügen 1969 noch weitere sieben Jahre dauert, bis die Concorde tatsächlich im Liniendienst überschallschnell Metropolen der Welt verbindet, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Erste deutsche Landung

Ende April 1976, etwa drei Monate nach Einführung ihres Liniendienstes, ist die Concorde erstmals auch in Norddeutschland zu erleben. Warum landet die futuristische Rakete aber ausgerechnet in Hamburg, das ja nicht gerade als Zentrum des Jet-Sets bekannt ist? Der Grund ist einfach. Die in der Hansemetropole ansässige Zigarettenfirma Reemtsma will ihren Kunden etwas Gutes tun und sie gleichzeitig an ihre Marke Peter Stuyvesant binden. Deshalb gibt es ein Gewinnspiel. 100 Glückliche dürfen deshalb am 25. April 1976 in einer gecharterten Concorde der Air France von Hamburg aus starten. Zuerst geht es raus auf die Nordsee. Dort wird auf Überschall beschleunigt, dann geht es wieder zurück. Ein derartiges Ereignis spricht sich natürlich rum. Es sind wohl bis zu 40 000 Hamburger, die sich vor und auf dem Flughafen an diesem sonnigen Apriltag drängen. Alle wollen einen Blick auf die exotische Vierstrahlige werfen.

Noch viel näher kommen viele Zaungäste in Nordbaden dem Überschallvogel am 24. Juni 2003. An diesem Tag landet einmalig eine Concorde der Air France mit dem Kennzeichen F-BVFB auf dem Baden-Airpark in Rheinmünster-Söllingen. Dort bricht angesichts des Ansturms von Concorde-Fans der Straßenverkehr zusammen. Mehr als 20 000 Zuschauer wollen den Donnervogel ein letztes Mal landen sehen. Denn der Grund für den Besuch am Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden ist ein trauriger. Die Maschine wird auf dem Airport in mehrere Teile zerlegt, um ins Auto- und Technikmuseum Sinsheim transportiert zu werden.

Die aufwändige Demontage und der anschließende spektakuläre Transport dieser Concorde zuerst auf dem Rhein per Lastkahn und später auf der Straße wird von mehreren zehntausend Zuschauern beobachtet. Der Transport der Concorde ins Technikmuseum Sinsheim ist eine logistische Meisterleistung. Und dort, auf dem Dach des Museums, steht sie sogar neben ihrer einstigen Konkurrentin. Denn die russische Überschall-Verkehrsmaschine Tupolew Tu-144 wird in der gleichen Ära wie die Concorde entwickelt, fliegt sogar drei Monate früher los und ist vergleichbar schnell wie ihr britisch-französisches Pendant.

Die auch optisch ähnlich aussehende Maschine sorgt im Westen unter dem Spitznamen „Concordski“ für großes Aufsehen sowie wechselseitige Industriespionage-Vorwürfe. Die einzige außerhalb der einstigen Sowjetunion ausgestellte Tu-144 steht jedenfalls bis heute auf dem Dach des Technikmuseums – sogar vor der Concorde – und sorgt so für gute Vergleichsmöglichkeiten der Überschall-Passagierflugzeuge.

Von wegen Erste-Klasse-Komfort

Extrem beneidet werden früher natürlich an jedem Flughafen die Glücklichen, die an Bord eines Flugs gehen dürfen. Manch einer der Zaungäste würde sich aber wundern, wie eng es an Bord zugeht, obwohl alle Plätze „First Class“ sind. Vier schmale Sitze gibt es pro Reihe, durch einen kleinen Mittelgang getrennt, und alles in der Kabine ist ziemlich knapp bemessen. Die extreme Aerodynamik für doppelte Schallgeschwindigkeit fordert ihren Tribut in Form von Nehmerqualitäten bei den Passagieren.

Auch die Sicht nach draußen ist nicht wirklich opulent, denn die Fenster sind aus Gründen der Hitzebeständigkeit deutlich kleiner als in heutigen Airlinern. Das ist den meisten aber egal – der Status zählt. Schließlich fliegen in der Concorde Filmstars, Industrielle oder auch mal die britische Queen in Sitzreihe eins. Passagiere befinden sich immer in illustrer, auf jeden Fall aber solventer Gesellschaft. Denn die Tickets sind sündhaft teuer. Etwa 20 Prozent höher als ein First-Class-Ticket in einer anderen Verkehrsmaschine. Trotzdem macht die Concorde, von der nur 16 Serienflugzeuge gebaut werden, angeblich kein Plus im Liniendienst, egal ob bei Air France oder British Airways.

Geringe Reichweite

Was der Concorde neben ihrem extremen Spritverbrauch und den hohen Lärmwerten aber letztlich den Garaus macht, ist auch die fehlende Reichweite. Etwas über 6000 Kilometer sind es maximal. Das ist für viele populäre Strecken zuwenig, und Überschall darf wegen der Lärmbelastung für die Bevölkerung nur überm Wasser geflogen werden. Doch es gibt Ausnahmen. Angeblich erlauben die DDR-Offiziellen beim ersten Abstecher einer Air-France-Concorde 1986 zur Messe nach Leipzig, dass die Maschine von der Ostsee her kommend über norddeutschem DDR-Territorium noch eine Weile Überschall mit Mach 1.5 fliegen darf. Der verblüffende Hintergrund – viele DDR-Jagdflugzeuge machen das dort ebenfalls. Die ostdeutsche Bevölkerung ist daher den Überschallknall quasi gewöhnt.

Das Prozedere eines Überschallflugs ist ohnehin ungewöhnlich. Die Concorde hebt ab, fliegt über Land zunächst im Unterschallbereich und steigt bis auf einige tausend Meter. Erst über Wasser beschleunigt sie weiter auf Mach 2.0 Reisegeschwindigkeit, rund 2100 Stundenkilometer, um keinen Überschallknall über bewohntem Gebiet zu erzeugen. Sie ist dabei in einer Höhe von 16 bis 18 Kilometern unterwegs, deutlich oberhalb der normalen Verkehrsflugzeuge oder Business Jets. Die fliegen nur bis etwa 14 000 Meter hoch. Wenn die Concorde jetzt auch noch starken Rückenwind hat, ist sie unglaublich schnell. Ihr Rekord für eine Atlantiküberquerung von New York nach London ist zwei Stunden 52 Minuten und 59 Sekunden. Kein ziviles Flugzeug war jemals auf dieser Strecke schneller.

Angesichts dieser exorbitanten Flugleistungen und ihres hohen Prestiges sind es nicht nur Zigarettenfirmen, die mit Hilfe der Concorde auf sich aufmerksam machen wollen. Den Vogel schießt ein amerikanischer Brausekonzern ab. Er lässt 1996 klammheimlich eine Air-France-Concorde am Flughafen Paris-Orly in den Farben seines neuen Getränkedosen-Designs bemalen. Der Rumpf und das Seitenleitwerk sind nun tiefblau. Im Rahmen großer Events wird dieses Exemplar auf zehn Flughäfen in Europa und dem Mittleren Osten der Presse vorgestellt.

Reiner Etikettenschwindel

Die Maschine ist aber eigentlich ein Etikettenschwindel. Denn die Reibungshitze bei Überschall ist so hoch, dass die Außenhaut der Maschine möglichst hell sein muss, um nicht zu heiß zu werden. Dazu dient die weiße Lackierung. Durch die stärkere Erwärmung des Rumpfs aufgrund der dunklen Farbe darf sie deshalb keine doppelte Schallgeschwindigkeit mehr fliegen.

Die Tragflächen müssen ohnehin weiß bleiben, da sie sonst zu sehr erhitzt würden. Sogar der Hersteller und die Flugsicherheitsbehörden müssen deshalb zu dieser Sonderlackierung ihr Okay geben. Nach zwei Wochen PR-Tour kommt die blaue Farbe wieder ab. Die Concorde darf nun ganz in Weiß wieder ganz ohne eine Speedlimit durch die Luft rauschen.

Das Flugtraining der Crews findet wegen der infernalischen Geräuschkulisse an möglichst abgelegenen Airports statt. Denn ein Flugzeug, das beim Starten und Landen quasi ein akustisches Erdbeben auslöst, ist als Gast nicht gerade beliebt. Zumal die vier Olympus-593-Triebwerke mit Nachbrenner von Turbinen abgeleitet sind, die sonst die Avro Vulcan antreiben. Das ist ein Langstreckenbomber, der Atomwaffen transportieren kann und alles ist, nur nicht leise. Shannon an Irlands Westküste ist deshalb einer der Plätze, an denen die Cockpit-Crews – also je zwei Piloten und ein Flugingenieur – von British Airways trainieren. Schon kurz nach dem Start ist die Maschine dort über Wasser, der Lärmteppich macht so nur Fischern und Meeresbewohnern zu schaffen.

Unweit des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle kommt es dann aber am 25. Juli 2000 zum tragischen Unfall einer Air-France-Concorde. Ein kurz zuvor gestarteter dreistrahliger Airliner des Typs DC-10 verliert ein Metallteil vom Schubumkehrmechanismus des Hecktriebwerks, das unbemerkt auf die Runway fällt. Dieses schlitzt kurz darauf beim Überrollen einen Reifen der startenden Concorde auf, dessen Bruchstücke in die Fläche hochschleudern und einen Tank beschädigen. Das anschließende Treibstoffleck lässt die Maschine Feuer fangen und zwei Triebwerke stark an Leistung verlieren. Das brennende Flugzeug wird daraufhin unkontrollierbar. Beim Absturz sterben 109 Menschen an Bord sowie vier weitere Opfer am Boden. Alle Concorde bekommen ihre Flugtauglichkeit entzogen.

Es gab Hinweise zur Gefahr

Kritik wird laut, da es bereits öfter Reifenplatzer bei ihr gegeben hat und Hinweisen auf die zu wenig geschützte Struktur der Tanks gegen umherfliegende Teile vom Hersteller oder den Airlines nicht genügend nachgegangen wurde. Nach teuren Sicherheitsmodifikationen an Treibstoffbehältern und Reifen für alle Maschinen gibt es nochmals ein kurzes Comeback ab Herbst 2001. Allerdings brechen von Mitte September 2001 an auch die Buchungszahlen nach den Anschlägen von „Nine-Eleven“ in den USA durch verunsicherte Kunden drastisch ein. Bis Herbst 2003 werden die Concorde von British Airways und Air France aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit endgültig aus dem Dienst genommen und ausgemustert.

Info: Schöne Bildergalerie unter www.schwetzinger-zeitung.de