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Sachbuch Eine neue Textsammlung gibt Einblick in das Leben der italienischen Erfolgsautorin, die weiterhin anonym bleiben will

Die Frau hinter Elena Ferrante

Elena Ferrante kommt aus Neapel. Elena Ferrante ist Mutter. Elena Ferrante hat noch einen anderen Beruf als Schreiben. Das sind die wenig bekannten Fakten über die Autorin, von der einige glauben, dass sie die italienische Übersetzerin Anita Raja sein könnte. Ob das so ist, wird auch in „Frantumaglia“ nicht geklärt, einer Sammlung von Briefen und Interviews der Schriftstellerin, die nun in Deutschland erschienen ist. Stattdessen wird sehr deutlich: Ferrante will die Anonymität.

„Ich glaube, Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser. Und wenn nicht, dann eben nicht.“ Das schrieb Ferrante Anfang der 1990er Jahre, kurz vor Erscheinen ihres Debüts. Ihren Verlegern teilt sie freundlich und bestimmt mit, dass sie nicht für „Lästige Liebe“ werben wolle. „Ich habe bereits genug für diesen Roman getan: Ich habe ihn geschrieben.“ Der Brief endet so: „Ich werde die kostengünstigste Autorin des Verlags sein. Sogar meine Anwesenheit wird Euch erspart bleiben.“

Heute ist Ferrante wahrscheinlich weniger die „kostengünstigste Autorin“ des Verlags, als die, die mit das meiste Geld einbringt. An ihrer Überzeugung aber, sich zurückzunehmen und ihre Bücher für sich sprechen zu lassen, hat sich auch seit dem Welterfolg der Tetralogie „Meine geniale Freundin“ nichts geändert.

Ferrante beschreibt in den vier Bestsellern die Freundschaft von Lenù und Lila und liefert ein Porträt Italiens von den 1950er Jahren bis heute. Viele Leser fragen sich seitdem: Wie viel hat das alles mit Ferrante selbst zu tun? „Es wird klar, dass ihr Werk oft autobiografische Züge hat, Ferrante aber nicht die Form der Autobiografie wählen will, wie sie sagt.

„Ich verarbeite ,echte’ Erlebnisse, aber nicht so, wie sie sich wirklich zugetragen haben, als ,tatsächlich vorgefallen’ nehme ich vielmehr nur die Eindrücke oder Phantasien aus der Zeit der realen Erfahrung. Deshalb ist alles, was ich schreibe, zwar voller Bezüge auf reale Situationen und Ereignisse, die jedoch völlig neu geordnet werden und ganz anders erscheinen, als sie sich in Wahrheit ereignet haben.“

Autobiografische Züge

Besonders stark sind die Bezüge im Debüt „Lästige Liebe“, wie sie zugibt. Das Buch ist ein düsteres Drama, das eine ähnlich ambivalente Beziehung aufarbeitet wie die der beiden Freundinnen Elena und Lila: Die Protagonistin ist zerrissen zwischen Liebe und Hass für ihre schöne Mutter. Ferrante beantwortet die Frage, ob sie die Anonymität auch gewählt habe, um sich selbst und eine bestimmte neapolitanische Gemeinschaft zu schützen mit Ja.

„Frantumaglia“ gibt mehr preis, als man erwarten würde. Ferrante erzählt viel über das Verhältnis zu ihrer Mutter, einer Schneiderin. Sie habe sich stets zurechtgemacht wie eine „Leinwanddiva“. „Ich muss zugeben, dass ich nie die Vorstellung von mir als blasse Tochter abschütteln konnte, nicht einmal, als ich selbst Mutter wurde.“

Ferrantes Werk kreist um Frauen in Leid, Krisen, Selbstzweifeln. Sie weiß, wovon sie schreibt: „Ich war nie in Therapie. Aber ich weiß, was es heißt, in die Brüche zu gehen. Ich habe das bei meiner Mutter beobachtet, bei mir selbst, bei vielen Frauen.“ Ihre Protagonistinnen „sind alle Echos realer Frauen, die durch ihr Leiden und gleichzeitig durch ihren Kampfgeist meine Phantasie beflügelt haben: meine Mutter; eine Freundin, Bekannte, deren Lebensgeschichte ich gut kenne.“