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Geschichte Der Chefankläger in einem Nachfolgeprozess gegen NS-Kriegsverbrecher, Benjamin Ferencz, veröffentlicht Autobiografie

Die grausame Wahrheit stets im Blick

Benjamin Ferencz hat drei Ratschläge, die er jungen Leuten gerne mit auf den Weg gibt: „Nummer eins: Niemals aufgeben! Nummer zwei: Niemals aufgeben! Und Nummer drei: Niemals aufgeben!“ Das sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Während er das sagt, scheint die Sonne auf seinen Schreibtisch in seinem Haus in Florida. Ferencz lacht und winkt freundlich in die Kamera.

„Wer innerlich weint, sollte nach außen besser lachen“, sagt der 100-Jährige oft, wenn er gefragt wird, warum seine Laune so gut ist nach allem, was er erlebt, nach allem, was er gesehen hat. „Es bringt ja nichts, in einem See aus Tränen zu ertrinken.“

Dieses Zitat steht im Vorwort zu seiner Autobiografie, die ausgerechnet an diesem Montag auf Deutsch erschienen ist, dem 9. November, dem Jahrestag der Pogrome, die als Beginn der Judenverfolgung gelten. Hierzulande trägt Ferencz’ Buch den Titel „Sag immer Deine Wahrheit“. Untertitel: „Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben“.

Letzter lebender Zeitzeuge

Ferencz hat das dunkelste Kapitel deutscher und europäischer Geschichte hautnah erlebt und entscheidend dazu beigetragen, dass es wieder heller wurde am historischen Horizont. Und er hat selbst Geschichte geschrieben. Nicht einmal 30 Jahre alt war er, als er NS-Kriegsverbrechern in Nürnberg den Prozess machte. Er war Chefankläger in einem der zwölf sogenannten Nachfolgeprozesse, die von 1946 bis 1949 auf das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher folgten. 24 führende SS-Leute klagte er etwa wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an. Darunter sind die vier Kommandeure der SS-Einsatzgruppen, die in den eroberten Gebieten im Osten praktisch jeden Tag wehrlose Frauen, Männer und Kinder umgebracht hatten. Prozessbeobachter sprechen damals vom größten Mordprozess der Geschichte.

„Ohne ihn hätte es den Prozess nicht gegeben“, sagte Politikwissenschaftlerin Sophia Brostean-Kaiser vom Memorium Nürnberger Prozesse zum 100. Geburtstag von Ferencz im März. Ferencz ist der letzte lebende Zeitzeuge der Prozesse.

Den Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag, für dessen Errichtung Ferencz jahrelang gekämpft hat, sieht er in der direkten Nachfolge dieser Prozesse, und dass Donald Trump in diesem Jahr Sanktionen gegen das Gericht ankündigte, entsetzt ihn: „Der amerikanische Präsident sagt in diesem Jahr, er wolle den Gerichtshof zerstören. Das hat er zwar nicht wörtlich gesagt, aber er hat Sanktionen angekündigt gegen den Gerichtshof, seine Mitglieder, den Vorsitzenden, den Chefankläger und die Mitarbeiter“, sagt er. Dabei sei ein Gericht die einzige Möglichkeit, Krieg zu verhindern: „Wenn es kein Gericht gibt, um einen Disput beizulegen, dann bleibt nichts als Gewalt.“

Bevor Ferencz als Ankläger Geschichte schrieb, war er als US-Soldat bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei, deckte Nazi-Verbrechen auf. „Es gab bei den Nazis Anweisungen, bei einer Mutter, die ein Baby hält, durch das Baby zu schießen, weil man so beide auf einmal umbringen kann. Das sind Horrorgeschichten, aber sie sind wahr und wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, damit sie nicht noch mal passieren“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, für die Opfer zu sprechen, für ermordete Männer, Frauen und Kinder. Kleinkinder, deren Köpfe an Bäumen zerschellten.“

Appell an junge Menschen

Es sei wichtig, was er zu sagen habe, betont Ferencz: „Ich habe erlebt, dass aus eigentlich anständigen Menschen Massenmörder werden können. Krieg kann das machen. Krieg zerstört jede Form von Moral und wurde trotzdem jahrhundertelang glorifiziert. Ich habe mein Leben damit verbracht, diese Ansicht umzudrehen und dafür zu sorgen, dass das, was immer glorifiziert wurde, als das schreckliche Verbrechen gesehen wird, das es ist.“

Ferencz ruft vor allem jüngere Menschen dazu auf, es ihm gleichzutun: „Wir müssen das Recht aller Menschen in jedem einzelnen Land schützen, in Frieden und Würde zu leben. Das ist mein Ziel. Wenn ihr dieses Ziel auch habt: Tut dafür, was immer ihr könnt.“ dpa