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Weinheim Thomas Neitzel versorgt seit 15 Jahren ehrenamtlich die Kindergärten und Grundschulen mit Rohlingen für den Sommertagsstab

Die Haselnussbüsche werden knapp

Archivartikel

Vielen Menschen ist Thomas Neitzel schon irgendwann einmal über den Weg gelaufen. Entweder hat man den sympathischen, oft lächelnden Weinheimer am Rande einer Veranstaltung in der Stadthalle gesehen, wo er als städtischer Hausmeister bei kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen „Mädchen für alles“ ist, oder er ist einem mal auf der Burgruine Windeck oder bei einem Vortrag im Bürgersaal des Alten Rathauses begegnet.

Der 43-Jährige arbeitet allerdings auch in jedem Winter ehrenamtlich zum Wohl der Kinder und für den Erhalt eines Brauchtums, das Weinheim weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und beliebt gemacht hat: den Sommertagszug.

Zwischen 1200 und 1500 Rohlinge benötigen Weinheims Kindergärten und Grundschulen jährlich als Grundlage für den Sommertagsstab. Traditionell wird er mit blauen und weißen Bändern geschmückt. Auf seiner Spitze stecken Brezel, Ei und ein grüner Buchs. Inzwischen gibt es ihn aber auch in ganz verschiedenen Varianten.

Nur die Hasel eignet sich

Bis kurz vor Weihnachten müssen die Grundschulen und Kindergärten ihren Steckenbedarf anmelden. In der vegetationsarmen Zeit geht Thomas Neitzel dann mit Messer und Rebschere in die Natur. Er weiß, wo es in Weinheim noch Haselnussbüsche gibt, denn nur der lange Trieb der harten Hasel eignet sich für den Sommertagsstecken.

Allerdings kann Neitzel nicht in jedem Jahr an dieselben Büsche. Sie brauchen auch Schonung, um genügend neue Triebe zu entwickeln. „Leider sind in den vergangenen Jahren einige Haselnussbüsche verschwunden. Es wird allmählich knapp, um genügend Stecken zu schneiden“, berichtet Neitzel.

Umso erfreuter war der Weinheimer, der als Kind natürlich selbst mit Freude den Sommertagsstab trug und die leckere Brezel verzehrte, als er davon hörte, dass rund um die Windeck 2000 neue Haselbüsche gepflanzt werden sollen. Nachdem dort der Baumbestand zurückgenommen wurde, um wieder freie Sicht auf die Burg zu haben, wurde die Pflanzung der Haselnussbüsche beschlossen. So bleibt die gute Sicht auf das Wahrzeichen gewahrt.

In diesem Winter hatten mit der Pestalozzi- und der Friedrich-Grundschule die beiden größten Rohling-Abnehmer etwas Druck von Thomas Neitzel genommen, weil sie diesmal mit ihren rund 450 Schülern ohne Stecken mitlaufen werden. Die Friedrichschule stellt mit ihren vier Klassenstufen vier verschiedene Sportarten dar und startet als bewegte Schule fit in den Frühling. Die Pestalozzischule will mit selbst gebauten Booten in den Frühling segeln. twa 40 Stunden benötigt Thomas Neitzel für den Schnitt der Rohlinge an den Haselnussbüschen. Weitere 30 Stunden kalkuliert er für das Anspitzen der Stäbe und die Anfertigung eines Griffes ein. Außerdem bringt Neitzel den jeweiligen Stab auf die erforderliche Länge. Der Sommertagsstab für Kindergärten ist etwa 1 Meter lang, der für die Grundschule zwischen 1,20 und 1,40 Meter. Vier Wochen vor dem Sommertagszug, der diesmal am 22. März durch Weinheims Innenstadt zieht, werden die Stäbe ausgeliefert.

Zum Abschluss des Zuges tritt Thomas Neitzel noch mal in Aktion. Der ehemalige Feuerwehr-Aktive – inzwischen ist er Teil der Alterskameradschaft – hat die wichtige Aufgabe, den großen Schneemann in Flammen aufgehen zu lassen. Damit das riesige Wintersymbol nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam abfackelt, beschafft Neitzel den Stoff sogar selbst. Er holt in einer Fundgrube günstige Reste – gebraucht werden fast 20 Meter Stoff – und gibt sie weiter an Christina Eitenmüller, die zusammen mit Helferinnen das „Kleid“ für den Schneemann näht. Thomas Neitzel: „Der Stoff muss aus Baumwolle sein. Ein Vliesstoff würde zu schnell brennen und eventuell auch als brennende Fetzen durch die Luft fliegen.“ Das soll aus Sicherheitsgründen angesichts der vielen Hundert umstehenden Mädchen und Jungen auf dem Marktplatz vermieden werden.

Wie aber kommt Neitzel dazu, Jahr für Jahr in vielen ehrenamtlichen Stunden dieses Engagement für den Sommertagszug aufzubringen? Er führt sozusagen eine Familientradition fort. Auch sein Großvater Dietrich Neitzel hatte für Weinheims Kinder in der Feldflur Sommertagsstecken geschnitten. Als er nicht mehr konnte, übernahmen das einige Alterskameraden der Feuerwehr, aber auch sie kamen irgendwann in die Jahre.

Vorübergehend war die Stadt dazu übergegangen, Rundhölzer zu kaufen – eine teuere Angelegenheit. Glück für den städtischen Etat, dass Thomas Neitzel in die Fußstapfen des Großvaters trat und ab 2005 beispielhaft die Sache selbst in die Hand nahm.