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Literatur Sefi Atta schreibt über die Oberschicht Nigerias

Die Unbeschwertheit am Vorabend eines Putsches

Archivartikel

In der gegenwärtigen Literaturszene Nigerias spielen Autorinnen eine besondere Rolle. Zu ihnen zählt auch die Schriftstellerin Sefi Atta, die wie viele ihrer Kolleginnen inzwischen in den USA lebt und dort Kreatives Schreiben unterrichtet. Alle Romane Attas und die meisten ihrer Erzählungen liegen schon in deutschsprachigen Übersetzungen vor, und nun erscheint mit dem Roman „Die amerikanische Freundin“ das jüngste Buch Sefi Attas.

Worum geht es? Remi Lawal, eine mit ihrem Mann in Lagos lebende Geschäftsfrau, lernt auf einer Party in der gehobenen Gesellschaft der westafrikanischen Lagunenstadt eine gleichaltrige US-Amerikanerin kennen. Diese will in Nigeria offenbar Schmuckperlen kaufen sowie Land und Leute kennenlernen. Die beiden verabreden sich immer wieder, und ihre Begegnungen und Unterhaltungen werden zu einer Art Erläuterung der jüngeren nigerianischen Vergangenheit.

Der Roman ist tagebuchartig angelegt und erstreckt sich vom 10. Januar bis zum 28. Februar 1976. Ein März-Kapitel folgt auch noch. Den Januar-Abschnitten ist jeweils ein Dialog zwischen Remi und der US-Amerikanerin Frances Cooke vorangestellt, der dem folgenden Abschnitt damit das Motto vorgibt. Es geht um Ehe und Polygamie, Militärdiktatur und Demokratie, Kolonialismus und Unabhängigkeit, Kinder, Sex, Religion, Reichtum und Armut.

Ein Militärputsch am 13. Februar beendet den bis dahin unbeschwerten Alltag, und auch die Freundschaft zwischen Remi und Frances endet durch einen Eklat – Frances hatte eine Affäre mit dem Mann von Remis Freundin, und die beiden Kontrahentinnen prügelten auf der Party aufeinander ein. Schließlich kehrt Frances wieder in die USA zurück.

So spiegelt das Privatleben der Figuren dieses Romans den Verlauf der politischen Entwicklung Nigerias wider. In Anspielung an den Romanklassiker „Alles zerfällt“ des nigerianischen Autors und Friedenspreisträgers Chinua Achebes zeigt Atta, dass mit dem politischen System Nigerias auch das alltägliche Zusammenleben zerbricht – und umgekehrt. Und auch die Komposition des Romans erinnert an einen Klassiker der Literatur, nämlich an Platons Dialoge. Mit einem Dialog eröffnet Atta ihre ersten Romankapitel und erörtert dann das angesprochene Thema.

Alltag voller Reichtum

Die historische Kulisse des Romans „Die amerikanische Freundin“ ist authentisch: Der Putsch gegen Militärmachthaber Mohammed Murtala ereignete sich tatsächlich am 13. Februar 1976. Das Buch gewinnt aber nicht nur aufgrund dieses politischen Hintergrunds an Bedeutung, sondern auch wegen seiner Szenerie. Er spielt in der besseren Gesellschaft von Lagos und präsentiert einen Alltag voller Reichtum. Dass Atta hier nicht ein von Armut gezeichnetes Land zeigt, sondern eine polyglotte Elite, erhebt Anspruch auf einen Dialog in Augenhöhe mit dem Westen.

So unpolitisch die Handlung des Romans „Die amerikanische Freundin“ zunächst zu sein scheint, so politisch ist sie letztlich also doch. Auch der plauderhafte Tonfall Attas, den die Übersetzerin Simone Jakob flüssig ins Deutsche brachte, ist nicht zu unterschätzen. Ein schwieriges Thema so locker und eingängig zu gestalten, ist eine hohe literarische Leistung. malo