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Viernheim Augenoptikermeister Jürgen Stollsteimer fertigt Linsen für Video-Brillen an / Geschenk liefert Idee / Kunden aus 38 Ländern

Drohnen-Piloten sind begeistert

Archivartikel

Von Kathrin Miedniak

Mit Kugelschreiber hat er sich die entscheidenden Werte notiert. Jetzt klebt der Zettel an der Wand der Werkstatt von Optik Fischer. Ziemlich unscheinbar – aber wertvoll. „Ein dreiviertel Jahr habe ich daran gearbeitet“, sagt Jürgen Stollsteimer. Jetzt hält er das Rezept in Händen, das Drohnen-Piloten auf der ganzen Welt glücklich macht. Weil sie endlich klar sehen können.

Einer davon ist Joshua Bardwell aus Amerika. In einem Video, das er dem Viernheimer Augenoptikermeister geschickt hat, setzt er vorsichtig die Video-Brille auf, für die Stollsteimer passende Linsen gefertigt hat – und bricht in begeistertes Lachen aus. „Oh mein Gott“, ruft der Amerikaner atemlos, „ist das gut! Ich sehe damit besser als mit meiner normalen Brille!“ Stollsteimer grinst, als er an das Video denkt. „So ein positives Feedback freut mich sehr.“ Mittlerweile ist er das aber schon gewöhnt. Der Viernheimer Geschäftsmann hat schon in 38 Ländern Kunden wie Bardwell mit individuell angepassten Linsen für ihre Video-Brillen versorgt. Neuseeland, Brasilien, Chile, Israel – „eigentlich auf der ganzen Welt“, sagt er stolz. Die Preise beginnen bei 49 Euro für ein Set Gläser.

Angefangen hat alles mit einem Geschenk. „Als die ersten Video-Brillen für Drohnen auf den Markt kamen, fand ich die Teile total cool“, erzählt der 55-Jährige. Seine Frau schenkte ihm schließlich eine. „Durch die Brille nimmt man mein beim Steuern der Drohne die Sicht eines Piloten ein“, sagt Stollsteimer begeistert. Aber eines trübte das Erlebnis: So richtig gut sehen konnte er nicht beim Fliegen. „Ich brauche eine Fernbrille“, erklärt er.

Nur: Unter der Video-Brille kann er die nicht tragen. „Aber dann dachte ich: Hej, ich bin Augenoptikermeister“, sagt Stollsteimer und lacht. Zugute kommt ihm, dass er seinen Beruf noch traditionell ausübt – also in seinem Laden auch über eine Werkstatt verfügt mit hochpräzisen Instrumenten. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Handwerker. „Ich mache alles selbst“, sagt Stollsteimer schulterzuckend. Warum also nicht auch selbst Linsen für Video-Brillen herstellen, die genau auf die Sehstärke des Nutzers zugeschnitten sind?

Aber ganz so einfach ist das dann doch nicht. „Das erste Linsen-Set habe ich mühsam zurechtgefrickelt“, erinnert sich Stollsteimer. Seine CNC-Glasschleifmaschine kann so kleine Gläser wie sie für die Video-Brillen gebraucht werden, zum Beispiel gar nicht herstellen. Es ist nur eine von vielen Hürden, die Stollsteimer nehmen muss. Aber er ist kreativ – und hartnäckig. Über einen Ingenieur erhält er etwa die Bedienungsanleitung seiner Glasschleifmaschine, die normalerweise nur die Techniker haben. Nach langer Tüftelarbeit gelingt es ihm, die Maschine so umzuprogrammieren, dass er auch Video-Brillen-Gläser damit schleifen kann. Das erste Set solcher Gläser fertigt er für seinen Vater an. „Er hat es ausprobiert und meinte: Total Stark!“, sagt Stollsteimer.

Karton voller CD-Rohlinge

Voller Eifer schafft sich der Optikermeister einen ganzen Karton voller Linsen-Rohlinge für künftige Kunden an – und wird dafür von seiner Frau erstmal milde ausgelacht. Tatsächlich erweist es sich als schwieriger als gedacht, zu den Kunden durchzudringen. „In den Internetforen der Hobby-Piloten durfte ich nicht werben“, erklärt Stollsteimer. Aber dann versorgt er den Amerikaner Bardwell mit Linsen, der wiederum mit einem Video in der Drohnen-Szene von Stollsteimers Arbeit erzählt. „Seitdem wächst das Geschäft nicht“, sagt Stollsteimer, „es explodiert.“ Allein im Jahr 2019 habe er rund 400 Gläser für Video-Brillen angefertigt, manchmal zehn an einem Tag.

„Vor allem im Sommer saß ich oft bis nach 20 Uhr in der Werkstatt“, erzählt er. Stollsteimers Angebot ist selten. „Ein zweiter Augenoptiker in Deutschland ist meiner Idee gefolgt“, sagt er. Aber dieser arbeite zum Teil mit einer anderen Methode, so dass er selbst bei manchen Video-Brillen-Modelle der einzige Anbieter für spezielle Linsen sei. Das haben mittlerweile auch Drohnen-Sportler gemerkt. „Ich statte die deutsche Nationalmannschaft der Renndrohnen-Piloten aus“, sagt der 55-Jährige stolz. Darunter ist auch der deutsche Vizemeister.

Am Computer in seinem Laden öffnet der Optiker ein Video eines solchen Rennens und betrachtet fasziniert, wie rasant das Fluggerät durch den Hindernisparcours fliegt. Selbst fliegt er allerdings nicht mehr – seit er vor drei Jahren das Geschäft mit den Video-Brillen-Gläsern eröffnet hat. Stollsteimer muss lachen: „Ich habe einfach keine Zeit mehr dafür.“