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Weinheim Dunja Rajter stellt in der Alten Druckerei ihre Biografie „Nur nicht aus Liebe weinen“ vor

Durchstarten nach Höhen und Tiefen

Rassig sieht sie aus, die Frau, die am Sonntagabend die Bühne in der Alten Druckerei betritt. Dunja Rajter – lange schwarze Haare, große Ohrringe, schulterfreies Volant-Kleid, in der Hand hält sie ein Tamburin. Fast tanzend bewegt sie ihren schlanken Körper und singt, begleitet von ihrer Pianistin Anna Kupferschmidt, das Lied, mit dem Zarah Leander in den 30er-Jahren berühmt wurde: „Nur nicht aus Liebe weinen“.

So heißt auch ihre Biografie, mit der sich die 1946 im ehemaligen Jugoslawien geborene Sängerin und Schauspielerin seit 2018 auf Lesereise befindet. Weinheim war die letzte Station ihrer Buchpräsentation, danach beginnen in einem Münchner Studio die Aufnahmen für ihr neues Album. Nach einem Leben mit Höhen, Tiefen und künstlerischen Pausen startet sie noch mal durch.

Bekannt durch „Winnetou“-Film

Der Altersdurchschnitt des vorwiegend weiblichen Publikums entspricht an diesem Abend weitgehend dem der Künstlerin. Einige Damen stecken flüsternd die Köpfe zusammen. Es ist nicht zu überhören, dass über das fantastische Aussehen der 73-Jährigen diskutiert wird. Mag ja sein, dass nachgeholfen wurde, bei der Stimme ist dies jedoch nicht möglich, denn Rajters tiefes, rauchiges Alt hat immer noch die gleiche Kraft wie vor 50 Jahren, als sie Dieter Thomas Heck in seiner Hit-Parade ankündigte, sie aber auch zusammen mit Stars wie Harry Belafonte und Konstantin Wecker auf der Bühne stand.

Bekannt wurde Dunja Rajter durch die Rolle der „Belle“ in dem Film „Winnetou I“. Dass sie eine ernsthafte Schauspielerin ist, bewies sie 1993, als sie in Berlin im „Jedermann“ die Buhlschaft spielte. Immerhin kommt die rassige Schönheit mit den grünen Augen aus einer Theaterfamilie, wovon der erste Teil ihrer Lesung handelt.

Im kroatischen Nasice, wo sie geboren wurde, war ihr Vater Dirigent und Korrepetitor am dortigen Theater. Schon mit 13 Jahren gründete Dunja Rajter am Gymnasium ihre erste Theatergruppe. Später besuchte sie die Akademie der Künste in Zagreb, wo sie ihre Liebe zu Brecht-Stücken entdeckte. Dass ihr das liegt, zeigt sie an diesem Abend mit dem Song der „Seeräuber Jenny“ aus der Dreigroschenoper, den sie nicht nur exzellent singt, sondern auch ausdrucksstark mit Gestik und Mimik spielt.

Neben den schönen Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie mit ihrer Schwester Maria manchmal spielend im Fundus des Theaters verbrachte, geht es in ihrem Buch auch um den Krieg im kommunistisch geprägten Jugoslawien, das sie 1964 verlässt und nach Deutschland kommt, wo sie bis heute lebt. Hier lernt sie auch den erfolgreichen Bandleader der „Les Humphries Singers“ kennen.

Hochzeit mit Les Humphries

1972 feiern die beiden eine glanzvolle, von sämtlichen Medien begleitete Hochzeit. Die Passagen aus dem Teil ihres Buches, den sie ihrer nur vierjährigen Ehe mit Les Humphries gewidmet hat, erinnern an die Leidensgeschichte von Tina Turner mit ihrem Mann Ike. Auch Dunja Rajter lebte in einer glamourösen Umgebung mit einem wohlgeratenen Sohn. Doch wenn Les Humphries von seinen Touren nach Hause kam, waren Whiskyflasche und Koks seine besten Freunde. Und wenn er trank, wurde er gewalttätig. „Der Hausarzt hat gesagt, ich solle Les in Ruhe lassen, wenn er trinkt, doch er lässt mich nicht in Ruhe. Ich schließe mich ein und warte.“

Als der exzentrische Star den zweijährigen Sohn Danny eines Abends im Vollrausch aus dem Kinderbett zerrt und ihn auf den Marmorboden fallen lässt, ist das für Dunja Rajter der Augenblick, in dem sie mit ihrem Kind die Flucht ergreift.

Kein Song hätte besser zum Ende ihrer Lesung gepasst als Vicky Leandros’ „Ich liebe das Leben“. Dunja Rajter singt das Lied mit jener Leidenschaft, die so viel Zuversicht ausstrahlt. „Meine Großmutter hat mich beten gelehrt“, sagt sie, „das trug mich durch viele Krisen“. rav