Seite 1 - MM

Literatur Yasmina Reza schenkt im 80-seitigen Monolog „Anne Marie, die Schönheit“ einer in Würde gealterten Schauspielerin einen schönen Abschied

Ein fast glückliches Leben am Vorstadt-Theater

Eigentlich ist Marie-Anne immer zu kurz gekommen. Zwar hat sie es geschafft, sich aus den Fängen einer kleinbürgerlich-spießigen Familie und einem grauen Provinz-Kaff zu befreien und es auf eine Theaterbühne in Paris zu bringen. Doch nie bekam sie die großen Rollen. Nie wurde sie so berühmt und so verehrt wie Giselle, ihre beste Freundin und Kollegin, die den Sprung zum Film vollführte und dort eine schillernde Karriere machte. Und nie hatte Marie-Anne, die manchmal auf der Bühne, aber nicht im Leben eine strahlende Schönheit war, die leidenschaftlichen Affären, die das Dasein als schlecht bezahlte Schauspielerin versüßen können.

Stattdessen hatte sie einen langweiligen Gatten, der einen geregelten Tagesablauf und morgens einen frischen Kaffee auf dem Tisch haben wollte. Und einen besserwisserischen Sohn, „ein Mistfink“, der sie maßregelt und ihr vorschreiben möchte, wie sie im Alter leben, was sie essen und wie sie sich verhalten soll. Überhaupt, klagt Anne-Marie, ist das Alter eine Zumutung, ständig hat man Schmerzen, und dann diese Einsamkeit, die sich einstellt, wenn keine Rollenangebote mehr kommen und alle Kollegen und Freunde längst unter der Erde sind.

Von Polanski verfilmt

„Anne-Marie, die Schönheit“ ist die Heldin, die zeternde Stimme, die Reza erfunden hat, um Höhen und Tiefen einer alternden Diva anklingen zu lassen und dem langsam sterbenden Vorstadt-Theater eine Abschieds-Hymne zu singen. Die französische Autorin hat sich zwar auch als Roman-Autorin einen Namen gemacht („Glücklich die Glücklichen“, „Babylon“), doch ihre großen Erfolge feierte sie als Erfinderin ebenso filigraner wie hinterhältiger Bühnen-Stücke: „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und vor allem die später von Roman Polanski verfilmte, politisch ganz unkorrekte Theater-Schlacht „Der Gott des Gemetzels“ werfen ebenso komisch wie bitterböse Blicke auf die Abgründe der Seele.

Mit zorniger Würde

Der gerade einmal 80-seitige Monolog von Marie-Anne, dieser in zorniger Würde gealterten Schauspielerin, die nie ihr eigentliches Können und ihre wahre Schönheit offenbaren durfte, ist wohl eher als charmanter Bühnen-Monolog denn als tiefgründige Erzählung gemeint. Die alte Dame erzählt von ihrer Kindheit in der Kleinstadt, ihrer Mutter, die sich ständig umbringen wollte und es dann doch nie tat. Ihrem Vater, der in lustloses Schweigen versank und einmal erfolglos aus seiner Ehe auszubrechen versuchte und in den Süden abhaute, bevor er wieder nach Hause zurückkehrte wie ein geprügelter Hund. Sie berichtet von Giselle, ihrer Freundin, die stets lässige Ironie ausstrahlte und alle Menschen bezirzen konnte. Sie klagt über ihren verstorbenen Mann, dessen tumbes Wesen sie niederdrückte und den sie doch vermisst.

Denn sie ist einsam, die letzte, die noch weiß, wie es zuging in den kleinen Vorstadt-Theatern, mit welcher Leidenschaft dort gespielt wurde. Und wie groß die künstlerischen Träume waren, die dann zerplatzten. Aber Anne-Marie ist am Ende ihres Lebens weder traurig noch verzweifelt, weiß sie doch: „Es heißt, die glücklichsten Leben sind diejenigen, in denen nicht viel passiert.“

Zum Buch: Yasmina Reza, „Anne Marie, die Schönheit“, Carl Hanser Verlag, München. 80 Seiten, 19 Euro.